Die Fensterscheiben sind zersplittert. Farbe blättert von der weißen Fassade ab. Im Verwaltungsgebäude wird schon lange nicht mehr gearbeitet. Doch die rot schimmernden Buchstaben RFT haben eine Tradition in Staßfurt (Salzlandkreis).

Der blasse Schriftzug auf dem Gebäude erinnert an die Zeit kurz nach der Wende. 3500 Beschäftigte glauben an den Fortbestand ihrer Arbeitsplätze. Die Lager sind gefüllt mit Fernsehgeräten, die nach der Währungsumstellung verkauft werden sollen. Doch die alten DDR-Fernseher werden Ladenhüter. Die Ostdeutschen kehren den Fernsehern aus Staßfurt den Rücken, kaufen lieber westliche Produkte. Aus dem alten VEB-Fernsehwerk "Friedrich Engels" ist die "Rundfunk-Fernseh-Telekommunikation AG Staßfurt" geworden. Eine neue Interpretation von RFT.

Die Produktion in Staßfurt scheint am Ende. Tausende Mitarbeiter sind entlassen worden. 1993 arbeiten nur noch 650 Menschen im Werk. Auch Martina Schulze zittert um ihren Arbeitsplatz. "Immer wenn es Entlassungswellen gab, hatte ich Angst um meinen Job", erzählt die 53-Jährige.

1978 setzt Martina Schulze erstmals einen Fuß in das Fernsehwerk in Staßfurt. Die Abkürzung "RFT" steht zu der Zeit für den Herstellerverbund "Rundfunk- und Fernmelde-Technik". Auch der Standort in der Salzstadt gehört dazu. Das VEB Fernsehgerätewerk Staßfurt wird der größte Fernsehempfängerproduzent der DDR. Martina Schulze ist dabei.

Auch heute ist das Werk noch ihr Zuhause, ihr Arbeitsplatz. Die gelernte Fernsehtechnikerin macht immer noch die Arbeit, in der sie vor Jahrzehnten ausgebildet wurde. Sie baut Fernseher. Das Logo auf den Geräten hat sich geändert. Die Technik auch. Aus den klobigen Röhrengeräten wurden flache Design-Fernseher.

TechniSat ist der Name, der heute auf den Geräten steht, die das Werk verlassen. Seit 1998 werden in Staßfurt Fernseher dieser Marke produziert. TechniSat hat investiert, Gebäude saniert und die Produktion umstrukturiert. 140 Beschäftigte gibt es derzeit noch.

Der Markt ist umkämpft. Große Hersteller aus Asien wie Samsung oder Toshiba machen es TechniSat nicht leicht. 2011 setzte Samsung fast 48 Millionen Fernseher ab. In Staßfurt verlassen jährlich etwa 70 000 Geräte das Werk.

Neben Loewe und Metz ist TechniSat die letzte TV-Marke in deutscher Hand. Dem Preisdruck der Großen will sich TechniSat nicht beugen - die Fernseher sind teurer als die der Konkurrenz. Service ist im Preis enthalten. Bei Reparaturen gibt es ein Ersatzgerät.

Auf den Geräten aus Staßfurt steht zwar "Made in Germany", doch Bildschirme, Chipsätze und Fernbedienungen werden extern gekauft. Nur die Platinen, auf denen die Bauteile verschraubt werden, baut TechniSat selbst. Die Komponenten werden angeliefert und landen in der großen Halle mit dem Fließband. Dort stehen Menschen wie Martina Schulze und schrauben die Teile zusammen. Etwa 50 Mitarbeiter sind in der Fertigung. Im Zwei-Schicht-System werden aus den Einzelteilen neue Ultra-HD-Fernseher.

Fernsehgeräte aus Staßfurt sind technisch wie ihre Vorfahren aus dem alten VEB-Werk auf der Höhe der Zeit. Produktions- und Absatzzahlen wie zu DDR-Zeiten werden aber längst nicht mehr erreicht.