Die Pfeifen stehen bereit, der Spieltisch ist sorgfältig abgedeckt, in der Alexander Schuke Potsdam-Orgelbau GmbH hoffen die Mitarbeiter darauf, dass Bauleute in vielen Tausend Kilometern Entfernung ihre Termine einhalten. Davon hängt es ab, ob die Königin der Instrumente, wie die Orgel auch genannt wird, im August versendet und noch in diesem Jahr in der Pingtung City Concert Hall von Taiwan montiert werden kann.

Es handelt sich um ein rund 700 000 Euro teures Instrument mit 47 Registern, dessen prachtvoll symmetrisch angeordnete silberne Pfeifen einem in eher nüchternen Brauntönen gehaltenen Konzertsaal den Glanz verleihen werden.

Großer Aufwand, viel Zeit

Von der Auftragserteilung bis zur Realisierung solcher Projekte vergehen oft Jahre, und manchmal dauert es viel länger als geplant, bis eine Orgel montiert werden kann. Im ukrainischen Charkiw liegt seit 2012 eine Orgel aus Werder eingelagert, weil es beim Bau des neuen Konzertsaals dort erhebliche Verzögerungen gibt. Für Schuke sind solche Verspätungen alles andere als spaßig, denn der Auftrag im Volumen von 1,2 Millionen Euro kann nicht planmäßig abgeschlossen werden, ein erheblicher Teil des Geldes fließt verspätet.

Bei einem durchschnittlichen Jahresumsatz von 1,5 Millionen Euro müssen solche unverschuldeten Schwankungen durch hohe Flexibilität in der Auftragsakquise finanziell ausgeglichen werden, wie Prokurist Detlef Zscherpel berichtet. Immerhin zählt der Schuke Potsdam-Orgelbau mit 22 Beschäftigten in Deutschland zu den bedeutendsten Unternehmen der Branche.

Der Bund Deutscher Orgelbauer nennt mehr als 100 Mitgliedsbetriebe mit insgesamt etwa 2000 Beschäftigten. Bei vielen davon handelt es sich aber um Kleinfirmen oder sogar Ein-Mann-Betriebe, die zum Teil nur Wartung und Stimmservice anbieten. Nur wenige Unternehmen agieren auch auf der internationalen Bühne.

Schuke gibt es gleich zweimal: In Werder sowie in Berlin-Zehlendorf tragen Orgelbauer diesen traditionsreichen Namen, weil zwei Schuke-Brüder 1953 getrennte Wege gingen. Aber nur das brandenburgische Unternehmen, heute geführt von Matthias Schuke, existiert in direkter Nachfolge des 1820 von Gottlieb Heise in Potsdam gegründeten Betriebes. 2004 zog die Firma nach Werder um. Exportiert wird weltweit.

Zu den größten Instrumenten, die in den vergangenen fünf Jahren von Schuke Potsdam eingebaut wurden, gehören die für den Bardowick Dom (bei Lüneburg), den Dom St. Mauritius und Katharina (Magdeburg), den Dom Michoacan Nuestra Señora de Guadalupe in Zamora (Mexiko) und den Dom von Kaliningrad (Königsberg, Russland). Letzterer besitzt heute die größte Orgel Russlands.

Für den Kaliningrader Dom hat Schuke Potsdam sogar zwei Orgeln gebaut. Die Hauptorgel (2008) ersetzt die 1944 im Krieg zerstörte Domorgel. Während Spieltisch und Spielwerk moderne Technik verkörpern, folgt das Design weitgehend dem Barockprospekt der 1721 von Josua Moosengel errichteten Orgel. Bereits 2006 wurde die Schuke-Chororgel eingeweiht. Beide Orgeln verfügen über identische Spieltische und sind elektronisch so miteinander verbunden, dass ein Organist von einem Platz aus beide Instrumente bedienen oder zwei Organisten vierhändig spielen können. Für das Verzieren der Hauptorgel mit Schnitzereien und Engelfiguren setzte Schuke russische Künstler ein.

Pfeifen im Hintergrund

Der Begriff Register hat viel mit dem Namen "Königin der Instrumente" zu tun. Durch Ziehen oder elektronisches Betätigen eines Registers wählt der Organist eine oder mehrere Pfeifenreihen mit einer eigenen Klangfarbe aus. Er entscheidet damit, in welche Pfeifen beim Spiel auf den Tasten der Klaviatur Luft strömt. Dabei ist es möglich, die unterschiedlichen Klangfarben zu mischen, die der Vielseitigkeit eines ganzen Orchesters gleichen und von Klarinette, mehreren Flöten, Oboe, Trompete, Posaune, Horn und Gambe bis hin zu scharfen, weicheren oder auch schon gemischten Stimmen reichen.

Aber nur ein kleiner Teil der Pfeifen ist für die Zuhörer sichtbar. "Die Orgel geht hinter der Orgel los", sagt Zscherpel. Während die Pfeifen in der Orgelfront das Design bestimmen, befindet sich die Masse der Tonerzeuger im nicht sichtbaren "Hinterland" des Instruments.

"Die Orgel in Königsberg hat 8500 Pfeifen, die im Magdeburger Dom 6000, davon ist jeweils nur ein Bruchteil zu sehen, aber alle sind zu hören."

Große Pfeifen bestehen oft aus Holz, die anderen aus Zinn-Blei-Legierungen, enthalten aber zur Klangverbesserung auch Spurenelemente anderer Metalle.

Der Einbau einer großen Orgel aus vielen Tausend Einzelteilen ist aufwendig. Er schließt die klangliche Anpassung der Pfeifen an den jeweiligen Saal und das Stimmen des Instruments ein. In Charkiw sind dafür drei Monate eingeplant. Aber auch für regelmäßige Wartungen gehen die Schukes auf Reisen. Das Unternehmen verfügt über 150 Wartungsverträge, sie führen bis nach Mexiko.

Zum Thema:
Die bekanntesten Orgelbauer in Ostdeutschland sind Schuke, Sauer (Müllrose), Eule (Bautzen) und Jehmlich (Dresden). In Bad Liebenwerda hat sich der Mitteldeutsche Orgelbau Voigt stabil entwickelt. Er stellt mit 15 Beschäftigten mittelgroße Instrumente für das Inland her. Als bahnbrechende Neuentwicklung kreierte dieser Betrieb eine sich selbst stimmende Orgel. In Bad Liebenwerda soll eine Orgelakademie entstehen, die vor allem junge Menschen an das Instrument heranführt. Mehrere Orgeln dafür sind bereits aufgebaut, der erste Ausstellungsraum ist eingerichtet. rbt1