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| 19:26 Uhr

Vorschlag von Regierungskommission
Diskussion um Tempolimit ⇥nimmt mal wieder Fahrt auf

 Straßenwärter montieren an der A81 ein „130“-Tempolimit-Schild. Eine Regierungskommission hat wieder ein Tempolimit auf Autobahnen ins Gespräch gebracht. Wegen des Klimaschutzes. Experten sagen: Da bringt ein Tempolimit gar nichts.
Straßenwärter montieren an der A81 ein „130“-Tempolimit-Schild. Eine Regierungskommission hat wieder ein Tempolimit auf Autobahnen ins Gespräch gebracht. Wegen des Klimaschutzes. Experten sagen: Da bringt ein Tempolimit gar nichts. FOTO: dpa / Patrick Seeger
Berlin. Die Kommission „Nationale Plattform Zukunft der Mobilität“ hat die Einführung eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen vorgeschlagen. Das sorgt bei Verkehrsminister Andreas Scheuer (CDU) für wenig Begeisterung.

„Freie Fahrt für freie Bürger“ forderte der ADAC, als im Zuge der Ölkrise zum ersten Mal über ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen diskutiert wurde. Das war 1973. Mehr als vier Jahrzehnte später ist es wieder im Gespräch. Eine Kommission hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer mit dem Ziel der CO2-Reduktion eine Tempobeschränkung von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen vorgeschlagen. Dem CSU-Mann gefällt die Maßnahme gar nicht. Die wichtigsten Aspekte zum Thema.

Das sagt die Bundesregierung: Ob ein Tempolimit kommt oder nicht, ist völlig offen. Die Sprecher des Bundesverkehrs- und Bundesumweltministeriums waren am Montag zurückhaltend. Erst wolle man die Ergebnisse der Kommission abwarten und dann auf Grundlage der Empfehlungen Entscheidungen treffen. „Wir wollen ein schlüssiges Gesamtkonzept“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Ende Februar sollen Ergebnisse vorliegen, dann würde die Regierung über Maßnahmen entscheiden.

Zuvor hatte Verkehrsminister Scheuer das Tempolimit sowie weitere Vorschläge der Expertengruppe, in der Vertreter des ADAC, der Deutschen Bahn, von Umweltverbänden und Automobilherstellern sitzen, scharf verurteilt. Die Maßnahmen seien „ohne jeden Menschenverstand“ und „völlig realitätsfern“. Der Verkehrsminister wolle die Bürger von den Möglichkeiten der Mobilität begeistern – und sie nicht verärgern.

Auch die SPD winkt ab. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) hatte schon vor Wochen in einem Interview mit dieser Zeitung betont, dass die Diskussion über Tempolimits eine „Symboldebatte aus der Vergangenheit“ sei. Der Koalitionsvertrag sieht keine Geschwindigkeits-Beschränkung auf Autobahnen vor.

Doch in der Regierungskoalition sehen das nicht alle so wie die zuständigen Minister. Für den stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Ralf Stegner sei die Beschränkung „ernsthaft in Erwägung“ zu ziehen. Wenn sie denn dem Klimaschutz dienen könne.

Gibt es einen Nutzen für die Umwelt? Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass bei Tempo 120 die CO2-Emissionen der Pkw auf deutschen Autobahnen um neun Prozent sinken würden. Der ADAC hat auf dieser Grundlage weitergerechnet: Auf den Autobahnen werde etwa ein Drittel der Pkw-Fahrleistung erbracht, sodass die CO2-Einsparung bezogen auf den gesamten Pkw-Verkehr bei lediglich drei Prozent liegen würde. Der Autoverkehr wiederum verursache 13 Prozent aller CO2-Emissionen in Deutschland. Die Einsparungen würden somit national weniger als 0,5 Prozent betragen. Heißt: Das Tempolimit eignet sich nicht als Klimaretter.

Langsameres Fahren heißt weniger Unfälle? 80 Menschen könnten durch ein Tempolimit gerettet werden, hat die Unfallforschung der Versicherer berechnet. Das sind etwa zwei bis drei Prozent aller im Verkehr Getöteten. Deshalb plädiert Leiter Siegfried Brockmann für ein Limit.

Unwichtig ist dabei, ob es bei 120, 130 oder 150 Stundenkilometern liegt. Es gehe eher darum, den Verkehr gleichmäßiger zu machen, die extremen Geschwindigkeitsunterschiede zu beseitigen. Das führe zu weniger Bremsmanövern und damit zu weniger Unfällen. Aber: Das Tempo sollte nicht zu niedrig angesetzt werden, meint Brockmann.

In den USA haben Verkehrsforscher den Begriff „Highway Hypnosis“ geprägt. Lange Fahrten bei gleichmäßigem Tempo von 55 oder 65 Meilen (88 oder 105 km/h) führten zu einer Art Hypnosezustand und deshalb zu vielen Unfällen, gerade bei Alleinreisenden. Das bestätigt auch Henrik Liers, Leiter der Unfallforschung an der TU Dresden. Monotonie sei gefährlich: „Man wird müde oder sucht sich Ablenkung, spielt etwa mit dem Handy.“

Auch Michael Schreckenberg, einer der bekanntesten Stauforscher von der Universität Duisburg-Essen weist darauf hin, dass zu viel Monotonie beim Fahren eher kontraproduktiv ist. Innenstadt-Versuche mit Tempo 30 in Schweden hätten ergeben, dass ein generelles Limit schnell Aggressionen beim Autofahrer schüren kann. Und Aggressionen beim Fahren könnten sogar gefährlicher sein.

Aus diesem Grund sagt Professor Schreckenberg: „Es ist sinnlos, jemanden auf vollkommen freier Strecke zu Tempo 130 zu zwingen.“ Aber: „Wenn es die Verkehrssituation erfordert, ist beispielsweise Tempo 80 notwendig, um den Verkehr im Fluss zu halten. Das funktioniert besser als bei einem Limit von 130.“

Eine Möglichkeit sind aus Sicht des Forschers Systeme an Bord des Autos. Dank derer wisse der Fahrer, dass er in den nächsten Kilometern einen zähfließenden Verkehr zu erwarten hat. Dann könne er seine Geschwindigkeit anpassen und rase nicht mit 180 Stundenkilometern in einen Stau hinein.

Deutschland steht in Europa allein da: Deutschland ist europaweit das einzige Land, in dem es keine Beschränkung auf Autobahnen gibt. Dabei reicht das Limit von 100 Stundenkilometern in Norwegen bis hin zu 140 Stundenkilometern in Polen. Wer sich nicht an die Vorgaben hält, muss tief in die Tasche greifen.

In Norwegen zum Beispiel müssen Temposünder, die mit 20 km/h zu schnell unterwegs sind, mit einem Bußgeld ab 375 Euro rechnen. In einigen Ländern wird das Tempolimit allerdings aufgeweicht. In Österreich etwa gilt seit vergangenem Sommer testweise eine Beschränkung von 140 statt 130 Stundenkilometern.

Weniger Staus dank Tempolimit? Nein, sagt Stauforscher Schreckenberg. „Bis zu 70 Prozent der Staus entstehen durch Überlastung. Das heißt, es sind zu viele Fahrzeuge auf derselben Strecke, zur selben Zeit, in dieselbe Richtung unterwegs. Auch Unfälle und Baustellen tragen mit bis zu 20 Prozent zum Stauentstehen bei. Wenn der Hintermann wegen meines Bremsens so stark abbremst, dass er anhält, löst er eine Stauwelle aus.“ Es gehe vielmehr darum, kooperativ zu fahren und genügend Abstand zu halten, um Staus zu vermeiden.

Ohne Limit kein autonomes Fahren: Auch autonom fahrende Fahrzeuge haben ein Problem mit den unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf deutschen Autobahnen.

Weil es immer sein kann, dass ein extrem schnelles Auto auf der linken Fahrspur heranrast, werden die Fahrzeuge auf eine sehr defensive Fahrweise programmiert: Hinter einem Lkw bremsen sie eher ab und fahren eine Weile länger hinter ihm her, anstatt sich flüssig in den Verkehr einzufädeln.

Ein „Highway-Pilot“, mit dem BMW-Fahrzeuge sich auf Autobahnen künftig autonom fortbewegen sollen, sei aber auf kein Tempolimit angewiesen, sagte ein Abteilungsleiter des Autokonzerns der „Welt am Sonntag“.