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| 07:13 Uhr

Achim KassowInterview: Achim Kassow
"Digitalisierung verändert fundamental"

Düsseldorf. Achim Kassow ist seit Anfang 2017 Deutschland-Chef von Ergo. Mit ihm sprachen wir über die Ansprüche an einen modernen Versicherer, die Zukunft der Lebensversicherung und den Wandel durch neue Technologien. Georg Winters

Achim Kassow ist seit Anfang 2017 Deutschland-Chef von Ergo. Mit ihm sprachen wir über die Ansprüche an einen modernen Versicherer, die Zukunft der Lebensversicherung und den Wandel durch neue Technologien.

Deutsche Bank. Commerzbank, Allianz - Achim Kassow kennt die Finanzwelt aus dem Effeff. Seit eineinviertel Jahren ist er verantwortlich für das Deutschland-Geschäft des Versicherers Ergo.

Herr Kassow, können Sie mir sagen, warum ich noch eine Lebensversicherung abschließen sollte?

Kassow: Klar kann ich das. Die Lebensversicherung bietet Stabilität und eine langfristige Kalkulationsgrundlage, insbesondere auch als Rentenversicherung. Und die langfristige Bindung hilft einem auch zu einer gewissen Spardisziplin. Natürlich können Sie Vermögensbildung auch über einen Banksparplan betreiben, aber da ist die Rendite derzeit gleich null. Alternativ oder ergänzend sehe ich Fondssparpläne...

. . . mit im Zweifel höherer Rendite als bei einer neuen Lebensversicherung.

Kassow: Das ist eine Frage des konkreten Produkts und der persönlichen Risikoneigung. Der Lebensversicherer kann Ihnen dafür das Timing-Risiko abnehmen. Die meisten Fehler bei Investments am Kapitalmarkt sind Timing-Fehler. Das ist zutiefst menschlich. Im Abschwung investiert man zu lange, im Aufschwung steigt man zu spät ein. Der lange Horizont und der Deckungsstock einer Lebensversicherung federn Wertschwankungen ab.

Das funktioniert an der Börse auch. Also kann ich doch bis zum 60. Lebensjahr Vermögen mit Aktien bilden und erst dann umschichten. Bis dahin würde mir doch eine Risikolebensversicherung reichen, und ich könnte mit renditestärkeren Anlageprodukten mehr Geld verdienen als mit einer Lebensversicherung.

Kassow: Das Bild ist schief. Moderne Lebensversicherungen sind individuell gestaltbar. Sie können je nach Risikoneigung beispielsweise mehr oder weniger hohe Aktienanteile vereinbaren. Klar ist aber auch, dass in einer dauerhaften Niedrigzinsphase ein Sicherungsvermögen, das stark auf Anleihen basiert, renditemäßig unter Druck gerät. Moderne Lebensversicherungen haben daher Kombinationsmöglichkeiten von Fonds und Deckungsstock.

Wenn Lebensversicherer ihr Produkt so anpreisen wie Sie - ist das dann nicht nach außen ein verheerendes Signal, wenn Unternehmen wie Ergo gleichzeitig nach Möglichkeiten suchen, die eigenen Bestände von Externen abwickeln zu lassen? Erschüttert das die Glaubwürdigkeit?

Kassow Ich glaube, hier geht es um zwei Ebenen: Kunden beschäftigt die Frage "Was passiert mit meiner Lebensversicherung?" Als Versicherer ist es unsere Aufgabe, die Altersvorsorge weiter zukunftsfähig aufzustellen. Deshalb fragen wir uns immer, wie wir effizienter arbeiten können. Für unsere klassischen Lebensversicherungsbestände haben wir uns daher entschieden, gemeinsam mit IBM eine neue effiziente Verwaltungsplattform aufzubauen.

Aber die Glaubwürdigkeit leidet.

Kassow Der Punkt ist ein anderer. Es diskutiert niemand, bestehende Verpflichtungen gegenüber Kunden nicht zu erfüllen. Das steht außer Frage. Die Diskussion ist vielmehr, auf welchem Weg sich die Herausforderungen der Niedrigzinsphase bestmöglich lösen lassen.

Sollte der Staat die Vorsorge, also beispielsweise die Riester-Rente, stärker fördern, damit die Botschaft von der Notwendigkeit der Vorsorge stärker bei den Menschen ankommt?

Kassow: Ich meine, wir haben in Deutschland mit den drei Säulen der gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersvorsorge ein absolut zukunftsfähiges System. Natürlich kann man sich immer noch mehr staatliche Förderung wünschen, aber von den Vorteilen unserer Angebote in der privaten Altersvorsorge müssen wir unsere Kunden zunächst selbst überzeugen.

Stichwort Digitalisierung: Was ändert sich aus Ihrer Sicht in der Versicherungsbranche?

Kassow: Die Digitalisierung verändert den Geschäftsrahmen fundamental. Erstens werden neue und individuellere Tarife möglich, weil mit Big Data immer neue Informationen in die Kalkulation einfließen können. Zweitens wird Prävention ein immer wichtigeres Thema, nehmen Sie als Beispiel Smart-Home- Lösungen. Die Zeit von der Entstehung eines Schadens über die Behebung und Regulierung kann durch digitale Prozesse auch immer kürzer werden. Drittens verändert sich unsere interne Prozessorganisation stark. Wir arbeiten zum Beispiel daran, Online-Services und die Agenturen noch stärker miteinander zu vernetzen, damit Kunden auf allen Kanälen noch schneller mit uns kommunizieren können.

Wenn Schadenverhütung ein immer stärkeres Thema wird, müssten doch auch die Prämien sinken. Löst das nicht neuen Kostendruck aus?

Kassow: Sinkende Prämien sind nicht das eigentliche Problem, wenn Schadenaufwendungen entsprechend zurückgehen. Digitalisierung ist für uns eine große Chance. Aktuell investieren wir massiv in neue Produkte und Services für unsere Kunden. In Zeiten des Umbruchs ist es wichtig, dass man zu den schnelleren im Markt gehört.

Auch kein Ertragsdruck durch den Eigentümer Munich Re?

Kassow: Wir haben ja eine klare betriebswirtschaftliche Agenda. Unser Eigentümer hat voll mitgetragen, dass wir im Zuge unseres Strategieprogramms von 2016 bis 2021 netto eine Milliarde Euro investieren. Das Verhältnis zwischen München und Düsseldorf ist ausgezeichnet.

GEORG WINTERS STELLTE DIE FRAGEN