Die ostdeutsche Wirtschaft hat auch ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung nicht zur westdeutschen Wirtschaft aufgeschlossen. Zwar ist die Wirtschaft im Osten von 1991 bis 1997 pro Kopf um gut 60 Prozent gewachsen, doch dann stockte der Aufholprozess. Die Bundesregierung sieht deshalb auch im "Jahresbericht Deutsche Einheit 2015" weiterhin "noch immer viel Handlungsbedarf bei der Angleichung von Ost- und Westdeutschland".

Für Ulrich Blum, Wirtschaftsprofessor an der Universität Halle-Wittenberg, steht im Rückblick fest: "Aus der Idee eines zweiten Wirtschaftswunders in Ostdeutschland ist nichts geworden." Nach wie vor verharrten die neuen Bundesländer auf einem Produktivitäts- und einem wirtschaftlichen Einkommensniveau, das je nach Indikator bei 70 bis 80 Prozent des Westens liegt, konstatiert Blum. Die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre habe es nicht vermocht, diesen Abstand zu verringern. Blum, der von 2004 bis 2011 das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle geleitet hat, hält die bisherigen Förderinstrumente für die ostdeutsche Wirtschaft für zunehmend ungeeignet, weil sie vornehmlich das Ziel hätten, Exportmärkte zu erobern. "Der Export dient als Nachweis für die Wettbewerbsfähigkeit", erklärt Blum. Diesen Ansatz der Förderung müsse man auch angesichts eines schwachen Euros überdenken.

Nach Blums Analyse habe es in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung tatsächlich eine Reindustrialisierung der ostdeutschen Wirtschaft gegeben. Diese werde in Ländern wie den USA oder Frankreich inzwischen als vorbildlich angesehen. Doch es sei nicht gelungen, die neu aufgebauten beziehungsweise neu angesiedelten Unternehmen im gleichen Umfang wie in Westdeutschland auf das Endkundengeschäft auszurichten. "Sie blieben eher vorleistungsorientiert und sind verlängerte Werkbänke international tätiger Konzerne", sagt der Wirtschaftsexperte. Darin liege eine der wesentlichen Ursachen, dass der Aufholprozess ins Stocken geraten sei.

Der Ökonom Blum fordert Politik und Wirtschaft deshalb auf, im Kopf "umzuparken". Statt der sklavischen Exportorientierung sei ein Fokus auf die Importseite nötig. In vielen Konflikten auf der Welt gehe es derzeit geostrategisch eher um die sogenannte Inputseite. "Es geht um Sicherung von Rohstoffen, um Versorgungswege und die Sicherung von Technologien. Das ist wichtiger als die Absatzseite", erklärt Blum. Wenn ein bestimmtes Material, etwa seltene Erden, nicht mehr zur Verfügung stünde, hätten ganze Industriezweige ein Problem.

Blum plädiert deshalb für eine Strategie, die die Importe ins Gesichtsfeld rückt und dem Ersatz von Importen einen hohen Stellenwert einräumt. Als Beispiel nennt er die ostdeutsche Braunkohle. Man müsse sie nicht verbrennen, sondern könne sie auch als wichtigen Rohstoff für eine leistungsfähige Kohlenstoffwirtschaft nutzen. Man könnte eine neue Chemieindustrie aufbauen mit der Braunkohle als Rohstofflieferant. "Es geht um neue Materialien, Ersatzstoffe für knappe und teure Rohstoffe und auch um neue Produktionsverfahren, die zu Alleinstellungsmerkmalen führen", sagt Blum. Deshalb brauche Ostdeutschland eine konzentrierte Technologieförderung, die die Wettbewerbsfähigkeit auf der Inputseite gewährleiste. Das würde die Produktivität in Ostdeutschland erhöhen und könnte zu einem neuen Aufholprozess der ostdeutschen Wirtschaft führen. Es gehe darum, die bisher ungenutzten Potenziale zu heben.

In dem Magazin Wirtschaft 5.1 werden diverse Firmen aus den neuen Bundesländern (5) und aus Berlin (1) vorgestellt. Zudem erläutert Professor Blum in einem Interview und in einzelnen Thesen Beispiele für eine Neuorientierung der Wirtschaft im Osten.