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| 18:00 Uhr

Interview mit Jan Otto
„Die Region braucht gute Nachrichten“

Teilnehmer einer Demonstration für den Erhalt der Standorte von Siemens und Bombardier gehen im Januar in Görlitz am Siemens-Werk vorbei. Nach der geraden verhinderten Werksschließung an der Neiße bleibt eine der Herausforderungen der Kampf um jeden Arbeitsplatz.
Teilnehmer einer Demonstration für den Erhalt der Standorte von Siemens und Bombardier gehen im Januar in Görlitz am Siemens-Werk vorbei. Nach der geraden verhinderten Werksschließung an der Neiße bleibt eine der Herausforderungen der Kampf um jeden Arbeitsplatz. FOTO: dpa / Pawel Sosnowski
Görlitz. Der Geschäftsführer der IG Metall Ostsachsen setzt große Hoffnungen in das Industriekonzept Lausitz.

Der Mai begann mit guten Nachrichten für die Siemens-Mitarbeiter in Görlitz. Nach zähem Ringen war klar: Der Standort bleibt erhalten. Unternehmensführung, Gesamtbetriebsrat und IG Metall einigten sich auf einen „Zukunftspakt“ für Kraftwerks- und Antriebssparte. Vor einem halbem Jahr hatte der Konzern angekündigt, weltweit 7000 Stellen zu streichen, davon knapp die Hälfte in Deutschland. Das Görlitzer Werk sollte geschlossen werden. Jan Otto von der IG Metall Ostsachsen warnt vor Euphorie.

Herr Otto, wie optimistisch stimmt Sie als Gewerkschafter, dass Siemens den Standort an der Neiße als weltweite Zentrale für das Industriedampfturbinengeschäft ausbauen will?

Otto Wir haben es zuallererst einmal geschafft, eine Werksschließung zu verhindern und somit eine unternehmerische Entscheidung zu verändern. So ist klar, dass auch in Zukunft betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen keine Option für Siemens sind, solange sie dafür keine Zustimmung der Arbeitnehmerseite erhalten.

Das heißt, die Arbeit der IG Metall ist jetzt erledigt – oder welche Hausaufgaben bleiben?

Otto Herausfordernd wird nun der Kampf um jeden einzelnen Arbeitsplatz – es gibt trotz allem Einschnitte, die wir unter anderem mit der Ansiedelung neuer Technologien mit Siemens abfedern wollen. Vom Gefühl her würde ich es so beschreiben: Der Standort kann so, wie es jetzt geplant ist, nicht mit nur 300 Leuten betrieben werden. Ob wir aber alle 960 Beschäftigten halten können, liegt jetzt an der Zusammenarbeit von Landesregierung, Siemens, Gesamtbetriebsrat und IG Metall. Gelingt es uns, das Werk zu einem Schlüsselwerk der Energiewende auszubauen, könnte diese „Werksrettung“ am Ende sogar ein Meisterstück werden, von dem alle profitieren.

Welche Chance sehen Sie in dieser Entscheidung von Siemens für die Oberlausitz?

Otto Die Region braucht gute Nachrichten und sie muss in den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands einbezogen werden. Dafür ist Siemens ein optimaler Partner. Weiterhin setzen wir und die Landesregierung große Hoffnung in das Industriekonzept Lausitz. Hiervon versprechen wir uns die Einbindung von Forschung und Entwicklung und somit der regionalen Unis und Hochschulen in einem realen, wirtschaftlichen Kontext. Wenn wir da gut zusammenarbeiten, hat das Strahlkraft für die gesamte Region.

Wie meinen Sie das?

Otto Wir dürfen nicht vergessen, dass in Bezug auf die Braunkohle ein massiver Strukturwandel vor uns steht. Und den schaffen wir nur mit großer Industrie. Start-ups sind wichtig, aber sie werden wohl kaum 16 000 Arbeitsplätze ersetzen, und als Tourismus-Region kann man zwar überleben, ich halte dies aber nicht für ausreichend.

Eine Baustelle bleibt Bombardier in Görlitz. Wie geht es bei den Waggonbauern weiter?

Otto Am 18. Juni gibt es weitere Gespräche zur erweiterten Standort­sicherung. Ziel soll ein Abkommen sein, das über das bereits Vereinbarte hinaus Stellen sichert, aber auch Investitionen garantiert. Hier gibt es noch ein erhebliches Missverhältnis. Außerdem nutzen viele die Rentenbrücke. Deshalb müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu viel Know-how am Standort verlieren. Lieber als Freiwilligenprogramme sind mir die Sicherung der Dauerarbeitsplätze.

Wie wollen Sie das schaffen?

Otto Schwierig wird es, wenn Leute aus dem Konzern ausscheiden – dann versuchen wir in die Betriebe der Region zu vermitteln, die tarifgebunden sind. Leider verlassen uns aber auch einige und gehen in andere Bundesländer. Hier wäre auch die Fachkräfteallianz gefragt, endlich einmal das Thema Tarifbindung als Kernpunkt aufzunehmen – im Prinzip verliert die Region Fachkräfte an andere Bundesländer aufgrund der besseren Bezahlung.

Mit Jan Otto
sprach Miriam Schönbach

Teilnehmer einer Demonstration für den Erhalt der Standorte von Siemens und Bombardier gehen im Januar in Görlitz am Siemens-Werk vorbei. Nach der gerade verhinderten Werksschließung an der Neiße bleibt eine der Herausforderungen der Kampf um jeden Arbeitsplatz.
Teilnehmer einer Demonstration für den Erhalt der Standorte von Siemens und Bombardier gehen im Januar in Görlitz am Siemens-Werk vorbei. Nach der gerade verhinderten Werksschließung an der Neiße bleibt eine der Herausforderungen der Kampf um jeden Arbeitsplatz. FOTO: dpa / Pawel Sosnowski
(dpa)