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| 19:03 Uhr

Zustellbranche
Die Paketbranche feilt an der „letzten Meile“

 Jetzt aber schnell: Auf der „letzten Meile“ kämpfen die Zusteller unter Zeitdruck mit einer Paketflut.
Jetzt aber schnell: Auf der „letzten Meile“ kämpfen die Zusteller unter Zeitdruck mit einer Paketflut. FOTO: dpa / Malte Christians
Bonn. Immer mehr Lieferungen, fehlende Fahrer und ständig Zeitdruck – die Zusteller erleben einen Boom mit Problemen. dpa

Die Paketbranche bekommt den Druck des Wachstums zu spüren. Angesichts der rapide steigenden Nachfrage fehlt es an Fahrern, und die Arbeitsbelastung scheint so hoch wie der Beschwerdepegel. Immer wieder regen sich Kunden über Mängel auf. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter haben sie Fotos gepostet von absurden Benachrichtigungskarten an Empfänger, die beim Zustellversuch nicht zu Hause waren.

Fehler von Zustellern mögen Einzelbeispiele sein. Und doch sind sie Hinweis auf ein generelles Problem. Diesen Schluss legen auch die steigenden Paket-Beschwerdezahlen bei der Bundesnetzagentur nahe: 2017 waren es rund 2000 kritische Wortmeldungen, 2018 schon 4300. Pakete waren verspätet oder sie landeten woanders als gedacht. Immer mehr Kunden machen ihrem Frust Luft.

Woran liegt das? Für eine Antwort lohnt ein Blick auf die „letzte Meile“, also den letzten Zustell-Schritt bis zur Paketübergabe. Das ist der entscheidende Punkt der Branche. „Auf der letzten Meile entstehen 50 Prozent der Kosten bei der Paketlieferung“, sagt der Logistik-Professor Kai-Oliver Schocke von der Frankfurt University of Applied Sciences. „Da kann ein Paketdienstleister viel falsch machen – hier entscheidet sich, ob er Erfolg hat oder nicht.“

Alle Paketdienstleister wollen ihre letzte Meile verbessern – ob Marktführer Deutsche Post DHL, ob Hermes, DPD oder GLS. Ihre Probleme sind ähnlich: Sie suchen händeringend Fahrer, um die steigende Nachfrage decken zu können.

Die Dienstleister ärgern sich alle über Staus und Parkplatzmangel – entweder ihre Transporter müssen in der zweiten Reihe parken oder ihre Fahrer müssen weit laufen mit den Kartons im Gepäck. Dann öffnet häufig niemand die Tür. Also müssen sie beim Nachbarn oder anderswo ihr Glück versuchen. Das kostet Zeit und Geld – und der Berg an Paketen wird in der Zeit auch nicht kleiner. Seit Jahren schon nimmt die Sendungsmenge zu. Waren es 2009 laut Branchenverband BIEK noch 1,755 Milliarden Pakete, so waren es 2017 bereits 2,804 Milliarden – ein Plus von rund 60 Prozent.

Wenig zufrieden ist auch Anne Putz vom Paketdienst GLS, einer Tochter der britischen Royal Mail. „Die Situation auf der letzten Meile hat sich zugespitzt“, sagt sie. Grund: der Boom im Online-Handel – die Bestellmengen stiegen so stark, dass man an Kapazitätsgrenzen komme. Der Fahrermangel, steigende Kosten und andere Faktoren beeinflussten die letzte Meile so, „dass die Produktivität darunter leidet“.

 Putz moniert, dass viele Empfänger nicht zu Hause sind beim Zustellversuch. Pakete würden bestellt, obwohl klar sei, dass niemand da ist, wenn der Bote klingelt.

Die Branche arbeitet mit Hochdruck an Innovationen, um die Situation auf der letzten Meile zu verbessern. So setzen die Firmen auf Paketkästen, wo Kunden auch außerhalb der Öffnungszeiten von Paketshops fündig werden – ob die DHL Packstation oder ParcelLock von DPD und Hermes. Im Trend sind zudem Mikro-Depots, kleine Sammelstellen in der Stadt, von wo aus Elektro-Lastenräder die Ladung weitertransportieren. Und der Logistik-Professor Schocke testet bald in Frankfurt/Main mit Hermes eine Straßenbahn, die Pakete in die City fährt, wo die Sendungen auf Lastenräder umgeladen werden.

Für Entlastung soll die Digitalisierung sorgen. Hier geht es um Echtzeit-Navis für optimierte Routen und die Möglichkeit für Empfänger, bessere Lieferzeitfenster und konkrete Zustelltage zu wählen – dann stünde der Paketbote seltener vor verschlossener Tür. Auch Projekte mit Lieferdrohnen gibt es schon.

Angesichts der hohen Kosten der letzten Meile ist es erstaunlich, dass ein Paket in Deutschland gleich teuer ist, egal ob man es nach Hause geliefert bekommt oder in den Paketshop. Das aber könnte sich ändern – Hermes und DPD überlegen, die Haustürlieferung als „Premiumprodukt“ einzustufen und damit zu verteuern. GLS hat einen ähnlichen Standpunkt. Kommt es in der Paketbranche zu solch einer Preispolitik, könnte die letzte Meile entlastet werden – weil dann der bequeme deutsche Empfänger doch lieber zum Paketshop geht, anstatt tiefer in die Tasche zu greifen.

 Jetzt aber schnell: Auf der „letzten Meile“ kämpfen die Zusteller unter Zeitdruck mit einer Paketflut.
Jetzt aber schnell: Auf der „letzten Meile“ kämpfen die Zusteller unter Zeitdruck mit einer Paketflut. FOTO: dpa / Malte Christians