Im Berliner Szene-Bezirk Prenzlauer Berg ist die "Ich-AG" vor allem etwas für Witzbolde. Einer hat einen Schreibtisch und einen Stuhl in ein leeres Ladenlokal gestellt und darauf das Schild "Ich-AG" platziert. So richtig lachen aber mag darüber niemand mehr. Denn in der Hauptstadt hat der Chef der Verkehrsbetriebe (BVG) nun allen Ernstes vorgeschlagen, seine Busfahrer zu rollenden Ich-AGs zu machen.
Das ist deutschlandweit der erste Vorstoß eines kommunalen Verkehrsunternehmens in diese Richtung - die BVG ist mit 14 000 Mitarbeitern der Branchenriese. Wie die Idee funktionieren soll, hat BVG-Vorstandschef Andreas Achim von Arnim ausführlich beschrieben. Die Fahrer, die große gelbe Doppeldecker durch die Hauptstadt lenken, sollen dem Unternehmen erst seine Busse abkaufen, um dann wiederum im Auftrag der BVG auf eigene Rechnung zu fahren.
Damit treibt die Ich-AG aus dem Hartz-Konzept, die eigentlich Langzeitarbeitslosen Chancen eröffnen soll, seltsame Blüten. Ein Berliner FDP-Kommunalpolitiker hat die BVG-Umdeutung bereits als "Ansammlung von Mini-Pleitefirmen mit massenhafter Scheinselbstständigkeit" kommentiert.
Die BVG ist ein Sanierungsfall. Rund 100 Millionen Euro Verlust fuhr sie im vergangenen Jahr mit U-Bahn, Bus und Straßenbahn ein. Die Fahrgastzahlen stagnieren, die Personalkosten drücken. Im Oktober übernahm von Arnim das Ruder. Er gilt als erfahrener Sanierer - mit einer Ausbildung an der Europäischen Wirtschaftshochschule und Berufserfahrung bei den Wirtschaftsprüfern von McKinsey.
Der 44-Jährige hat dem Aufsichtsrat der BVG sein Paket mit Sanierungsideen unter dem schönen Namen "Lenkrad" präsentiert. Die Ich-AG der Busfahrer fiel unter den Punkt A wie "arbeitnehmergerechte Anpassung". Er wolle damit personelle Einschnitte abfedern, erläuterte von Arnim. Nach seiner Rechnung müssen bis 2007 jedes Jahr 500 bis 700 Arbeitsplätze wegfallen, damit das Unternehmen schwarze Zahlen schreiben kann.
Bei der Dienstleistungs-Gewerkschaft verdi setzte daraufhin das große Kopfschütteln ein. "Ich halte diese Ich-AGs für nicht durchführbar, weil das Risiko für die Busfahrer zu hoch ist", sagte verdi-Verkehrsexperte Frank Bäsler. Er weiß, was vielen Reisebusfahrern passiert ist, die sich auf das Experiment Selbstständigkeit einließen. "Die haben bis zur Selbstausbeutung gearbeitet und waren nach zwei Jahren pleite", sagt er.
Die Branche der kommunalen Verkehrsunternehmen hält sich noch bedeckt, wenn es um die Berliner Pläne geht. Hinter vorgehaltener Hand wird aber über "seltsame und kuriose Ideen" getuschelt, Tendenz: unmöglich.
Die Praktiker hat noch niemand gefragt. "Wie soll denn ein Fahrer einen Berliner Doppeldecker für 400 000 Euro kaufen?", fragt sich Uwe Nitzgen, Vorsitzender des BVG-Gesamtpersonalrats. Von Unterhaltskosten und Konzessionen ganz zu schweigen. Und nicht zu vergessen die Maßgabe, dass die Preise für Fahrkarten bei öffentlichen Bussen nun mal festgelegt sind - und die Strecken auch.

Hintergrund Kein Thema in Cottbus
Cottbusverkehr: Der größte Verkehrsbetrieb in der Lausitz hegt keine Pläne, seine Busfahrer zu Ich-AGs zu machen. Das erklärte Verkehrsleiter Wolfgang Illmann gestern der RUNDSCHAU. Er wies darauf hin, dass ein solches Vorhaben auch aus organisatorischen Gründen problematisch sei. Wenn Bus und Fahrer eine Einheit bildeten, könne der Bus nicht wie jetzt unabhängig von einem bestimmten Fahrer genutzt werden. Das könne Konsequenzen für Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit des Betriebes haben.

Ich-AG: Durch die Einführung der Ich-AG sollen Arbeitslose einen Anreiz erhalten, sich selbstständig zu machen. Als Vergünstigung lockt, dass die Einnahmen einer Ich-AG bis zu einer Verdienstgrenze von 25 000 Euro pro Jahr nur mit zehn Prozent pauschal zu versteuern sind. Der Ich-AG-Gründer ist voll sozialversicherungspflichtig, erhält aber bis zu drei Jahre lang Zuschüsse vom Arbeitsamt - gestaffelt nach den Einnahmen.