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| 01:26 Uhr

Die Herrin der Laufmaschen

Sie ist die Letzte in Berlin, die diesen Beruf noch gewerblich ausübt: Karin Marquard arbeitet als Repassiererin an. Seit mehr als 50 Jahren nimmt die 72-Jährige nun schon Laufmaschen auf – doch ans Aufhören denkt sie nicht. Von Dietmar Bender

Der kleine Schreibtisch steht im letzten Winkel ihrer Neuköllner Wohnung, gleich neben dem Fenster. Hier sitzt die Berlinerin Karin Marquard mehrere Stunden am Tag, hält eine eigenartige Nadel in der Hand, die mit einer surrenden Maschine verbunden ist, und nimmt winzige Maschen auf. Die 72-Jährige ist die letzte Repassiererin der Stadt, die diesen Beruf noch gewerblich betreibt. "Auch im Berliner Umland kenne ich keinen, der diese Arbeit noch macht", erzählt die geborene Zehlendorferin.
"Repassieren" kommt aus dem Französischen und heißt "Laufmaschen aufnehmen". Hierbei werden der Strumpf mit der Laufmasche über einen Metalltrichter gestülpt und die Repassiernadel in eine Masche entlang der Laufmasche eingehängt, ähnlich dem Häkeln. Die Repassiermaschine presst nun Luft über einen Schlauch an das Endstück der Nadel und lässt diese kurze schnelle Bewegungen ausüben, wie die Nadel einer Nahmaschine. Auf diese Weise werden die fehlenden Maschen wieder ersetzt und am Ende mit der Hand vernäht.

Etwa 100 Maschen in der Stunde
In einer Stunde nimmt Karin Marquard etwa 100 Maschen auf, wobei eine Masche nicht gleichbedeutend mit einer Laufmasche ist. "Bei einer Laufmasche im Strumpf, die immer mit einem Loch beginnt, können 20 oder 25 Maschen gelaufen sein", erklärt sie. Der Aufwand lohne sich jedoch nicht, wenn es sich um mehr als 15 Maschen handelt. Ist die Laufmasche zu groß - fehlen also zu viele Maschen - wird es zudem immer schwerer, den Schaden zu beheben, ohne dass etwas zu sehen ist. "Irgendwann kann auch ich nichts mehr machen", sagt Marquard. Sie benötigt heute nicht einmal zehn Minuten, um eine Strumpfhose von der Laufmasche zu befreien. Die dickeren Kompressionsstrümpfe bearbeitet sie mit der Hand, weil dafür die Repassiernadeln zu dünn und anfällig sind. Ohnehin sei es schwierig geworden, Repassiernadeln zu bekommen. Viele Hersteller hätten die Produktion eingestellt, auch jener in der Schweiz, von dem sie lange Zeit die Nadeln bezog. In Deutschland würden gar keine mehr produziert. "Jetzt erhalte ich sie von einem Mann aus dem Erzgebirge, der noch einige wenige in seinem Besitz hat."

Arbeit für Kaufhäuser
Mittlerweile arbeitet die Rentnerin für das KaDeWe, für Karstadt sowie für kleinere Textilläden. Auch für das kleine Unternehmen ihres Mannes Wolfram Post, der seit über vierzig Jahren eine Spezialnäherei mit Kunststopfen, Änderungen und Neuanfertigung führt. Alle Repassierarbeiten, die in seinem Laden eintreffen, landen in ihren Händen. An drei Tagen in der Woche nimmt sie die Maschen auf, in der übrigen Zeit ist sie zu den Kunden unterwegs.
Fast wäre Karin Marquard in eine gänzlich andere Branche hineingerutscht. "Ich hatte nach der Schule 1952 als Wurstverkäuferin begonnen. Aber ich merkte schnell, dass mir diese Arbeit mit dem rohen Fleisch und all dem Blut nicht lag. Als mir mein Chef eines Tages ein Schweineauge zugeworfen hatte, war es vorbei. Der Job meiner Freundin, die Repassiererin lernte, war mir weitaus sympathischer", blickt sie zurück. Damals wurde sie bei der Firma Elektro Juwel ausgebildet, ein Unternehmen, das einst Repassiermaschinen herstellte, aber auch einen speziellen Reparaturdienst anbot. "In der ersten Zeit saßen wir zu dritt in einem ehemaligen Zirkuswagen, in dem auch der Verkaufsraum untergebracht war, und bekamen dreieinhalb bis vier Pfennig pro Masche."
Doch die Zeit mit mehreren Rapassiererinnen in einem Raum zu arbeiten, war bald vorüber. "Als ich mein erstes Kind bekam, arbeitete ich für diese Firma bereits zu Hause. In den 60er-Jahren machte ich mich dann selbstständig. Das ist bis heute so geblieben."