„Nichts geht ohne Gummi“ , sagt Peter Schulz und freut sich über die Zweideutigkeit dieses Spruchs. Als er vor zehn Jahren aus Wiesbaden in die Lausitz kam, da hätte wohl kein Ortrander diese Aussage als zweideutig verstanden. Denn zumindest im technischen Bereich schien es sehr wohl ohne Gummi zu gehen: Die Treuhand hatte 1995 in der Stadt die Gummiwerke, die zu DDR-Zeiten einmal rund 400 Menschen beschäftigten, geschlossen. Die beiden heutigen Geschäftsführer Peter Schulz und Albrecht Clemens sowie der weitere Gesellschafter Gernot Lange gründeten als Investoren-Trio PTO. Die Produktion begann Anfang 1996 mit sechs Mitarbeitern.
Heute sind es 70. Im März haben sie erstmals in der Firmengeschichte einen Monatsumsatz von über einer Million Euro erzielt. Im ganzen Jahr 2006 sollen es laut Schulz mindestens neun Millionen Euro werden, 2005 waren es rund acht Millionen. Hinter diesen Zahlen steckt „gewachsenes Gummiwissen“ , wie Schulz es nennt. Denn einem Auftrag geht fast immer eine Kundenanfrage voraus, ob die Ortrander für die jeweilige Spezialanwendung genau die benötigten Eigenschaften garantieren können. Manchmal haben PTO-Experten die Rezeptur vorrätig, oft aber muss sie auch erst in aufwändigen Tests ermittelt werden. Geliefert werden meistens textile Bahnen, beschichtet mit Spezialpolymeren.
Schulz bringt ein Beispiel. Biogasspeicher aus Stahl würden nicht lange halten, besäßen sie in ihrem Inneren nicht einen Ballon aus polymerbeschichtetem Gewebe, der das Gas aufnimmt und von den Metallwänden fern hält. Denn Biogas ist höchst zerstörerisch, würde das Metall angreifen. Es enthält weit über 20 chemische Bestandteile, darunter solch aggressive wie Blausäure, Benzol, Chlor-, Fluor-, Halogen- und Phosphorwasserstoff, Quecksilber und Schwefelverbindungen einschließlich Schwefelsäure. Diese Stoffe kommen zwar nur in Kleinstmengen im Biogas vor, sie würden aber im Metall große Spuren hinterlassen.
Die Techkon Gummitechnik GmbH aus Igersheim bei Würzburg stellt aus Ortrander beschicheten Gewebebahnen die Ballons her, die im Inneren der stählernen Tanks das Biogas aufnehmen. Aus der Lausitz kommt auch das Material für Faltenbälge von Glieder-Bussen und Eisenbahnzügen. Der Handlauf von Rolltreppen, Chemikalienschutzanzüge, Schlachterschürzen sowie verschiedenste Schläuche und Membranen vor allem für Kraftfahrzeuge bestehen ebenfalls aus PTO-Material.

Starker Automotive-Bereich
Schulz zeigt einen „extrem chemikalienbeständigen Turboladerschlauch“ , der außen mit Silikon und innen mit Fluorkautschuk beschichtet ist. Der Automotive-Anteil am Umsatz ist in den vergangenen Jahren gestiegen und liegt jetzt bei 20 Prozent, mit Faltenbälgen sogar bei rund 30 Prozent. 15 Prozent des Umsatzes machen die Ortrander mit Splitterschutzsystemen. Das sind getränkte Textilbahnen, die, zu dicken „Paketen“ verklebt, unter gepanzerten Limousinen angebracht werden. Aber auch unter richtigen Panzern findet sich dieser Schutz. Zehn Prozent des Umsatzes betreffen Walzenbeläge. Die Beschichtungen machen die Walzen griffig, damit sie in Textilbetrieben Stoffe über Fertigungsanlagen ziehen können.

Damit das Schiff nicht schwingt
Eine andere Anwendung kommt aus dem Schiffbau. Damit die Welle zwischen Maschine und Schraube durch ihre Drehbewegung nicht zu viele Schwingungen verursacht, ist sie in eine dämpfende Kupplung aus „paketierten“ polymerbeschichteten Bahnen gebettet. Möglichst hart sein muss das Material, das an Bahnübergängen zwischen den Gleisen liegt, damit Autos eine ebene Fläche zum Passieren haben. Es handelt sich um Blöcke mit Gummigranulatfüllung und Gummiummantelung. Letztere soll, daran wird gerade gearbeitet, durch Gewebe verstärkt werden, um die Haltbarkeit zu verbessern.
Der Lausitzer Betrieb liefert 90 Prozent seiner Produktion an Kunden in den alten Bundesländern. Der Rest geht vor allem in den Export, neuerdings besonders nach Frankreich, Italien und Spanien. Schulz nennt zwei Gründe für den stetigen Umsatzzuwachs: „Wir werden bekannter, aber es gibt auch immer weniger Konkurrenten. Fast jeder Auftrag ist mit Entwicklungsarbeit verbunden, dabei geht es oft um kleine Volumina.“
In Westeuropa sind Schulz nur noch acht Konkurrenten bekannt. In Deutschland waren es bis vor kurzem noch zwei Konkurrenten. Aber seit Contitech Hannover, eine Tochter des Continental-Konzerns, sich den Hamburger Wettbewerber Phoenix einverleibte, ist für die Ortrander nur noch ein deutscher Konkurrent übrig - allerdings ein sehr großer und starker. Contitech legt laut Schulz Ende Juni in Hamburg den mit der PTO-Palette vergleichbaren Teil der Phoenix-Produktion still und entlässt viele Leute.
In Ortrand verläuft die Entwicklung glücklicherweise in die andere Richtung. Die Mittelständler halten am Standort fester denn je. „Ich bin schon oft gefragt worden, warum wir nicht in Tschechien oder der Türkei Gewebe beschichten lassen, das wäre doch billiger“ , erzählt Schulz. „Ich habe geantwortet, dass Qualität eine gute Mannschaft braucht. Die haben wir hier.“

Hintergrund Zehn Millionen Euro in zehn Jahren investiert
Seit der Betriebsübernahme Anfang 1996 haben die Gesellschafter zehn Millionen Euro in die Modernisierung des Ortrander Betriebes investiert. Die nächste Investition ist eingeleitet. PTO kauft 2006 für 1,4 Millionen Euro eine neue Anlage, mit der die Produktion beim Bestreichen von Textilbahnen mit Polymermischungen wesentlich steigt.
Ortrand hat eine lange Tradition bei der Herstellung von Gummierzeugnissen. 1927 gründete Gustav Schwarzwald hier eine Gummikfabrik. Zu DDR-Zeiten arbeiteten 400 Menschen im Werk, das von 1990 bis 1995 als Gummiwerk Ortrand produzierte.