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Aachen
Die Folgen des neuen Diesel-Skandals

Die Enthüllungen über Versuche mit Affen und Menschen kommen für Volkswagen zum falschen Zeitpunkt: Die EU und Gerichte drängen auf ein härteres Vorgehen bei Dieselemissionen. Christiane Bours und Reinhard Kowalewsky

Die Uhr für Deutschlands Autobauer tickt. Am 22. Februar wird das Bundesverwaltungsgericht prüfen, ob Fahrverbote durchgesetzt werden dürfen, um die Grenzwerte für Stickoxide einzuhalten. In diese Phase platzen nun Enthüllungen über Tests mit Affen und Menschen. Sie bestätigen für viele Experten, dass insbesondere Volkswagen sich große Mühe gab, die Belastungen durch Diesel herunterzureden - durch Manipulation von Millionen Autos und durch Tests, die die Harmlosigkeit von Stickoxid-Emissionen belegen sollten.

Was untersuchten die Affen-Studie? Bei der US-Studie mussten zehn Affen in einer Kammer die Abgase eines VW Beetle einatmen. Vier Stunden lang wurden sie den Abgasen ausgesetzt. Um sie zu beruhigen, wurden ihnen Zeichentrickfilme gezeigt. Die Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT), die von VW, Daimler, BMW und Bosch finanziert und 2017 aufgelöst wurde, hatte die Studie an einem Institut in Albuquerque beauftragt. Ergebnis: Diesel sei harmlos - allerdings soll es sich bei dem Beetle um einen der vielen VW mit manipulierte Software gehandelt haben.

Wie lief der Menschen-Versuch ab? An der Universität Aachen untersuchte die von der EUGT geförderte Studie die Wirkung von Stickoxiden auf den menschlichen Körper. Dafür verbrachten 25 Probanden, in erster Linie Studenten, jeweils drei Stunden in einem rund 40 Quadratmeter großen Versuchsraum, in den das Gas eingeleitet wurde. Die Forscher nahmen die Lungenfunktion und Blutwerte der Probanden unter die Lupe. Dabei stellten sie fest, dass die Gase keine "beträchtlichen akuten Negativwirkungen" bei den Probanden verursachten. Der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus betonte, bei der Studie sei es um Stickoxid-Belastung am Arbeitsplatz gegangen. Es gebe keinen Zusammenhang zum Dieselskandal.

Ist die Menschen-Studie ethisch vertretbar? Kraus erklärte, die Konzentration sei vergleichbar gewesen mit der in der Umwelt vorhandenen. Die Probanden hatten ihrer Teilnahme schriftlich zugestimmt. Bei Studien mit Menschen am Aachener Uniklinikum muss grundsätzlich die Ethikkommission zustimmen. Die Zustimmung sei nachvollziehbar, wie ein Sprecher sagte: In einem modellhaften Versuch sei es statthaft, Menschen einmal einem stärkeren Einfluss auszusetzen. Auch Barbara Hoffmann, Leiterin der Umweltepidemiologie an der Universität Düsseldorf, hält das Vorgehen für nachvollziehbar: Um Kurzzeitwirkungen untersuchen zu können, müssten bei einem Versuch Konzentrationen genutzt werden, wie sie im normalen Leben etwa nur am Straßenrand vorkommen, etwa ein bis zwei Stunden bei 200 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft. Erlaubt in Wohngebieten ist ein Fünftel des Wertes - aber auf Dauer.

Ist Finanzierung durch Firmen üblich? Ja, Drittmittel sind ein wichtiger Teil der Einnahmen von Universitäten. Laut dem Stifterverband für die Wissenschaft hat mehr als die Hälfte der Unternehmen Kooperationen mit Hochschulen. Die Hochschulen sehen ihre Unabhängigkeit dadurch nicht gefährdet.

Was heißt das für Fahrverbote? Die Deutsche Umwelthilfe sieht sich bestärkt. Geschäftsführer Jürgen Resch: "Der neue Skandal bestätigt, mit welch schmutzigen Methoden die Autokonzerne seit Jahren arbeiten." Er betont, dass es für viele Menschen belastender sei, an einer stark belasteten Ausgangsstraße zu leben, als an einem Versuch wie in Aachen teilzunehmen. "Die Koalitionsgespräche bieten die einmalige Möglichkeit, den Betrug an neun Millionen Besitzern von Euro 5 und Euro 6 Diesel zu beenden. Die Hersteller müssen diese Fahrzeuge auf eigene Kosten so nachrüsten, dass diese die Grenzwerte einhalten.".

Was wusste die Politik? Grünen-Geschäftsführerin Britta Hasselmann forderte Aufklärung: "Die Bundesregierung hat sich im Abgasskandal zu lange schützend vor die Autoindustrie gestellt. Damit muss Schluss sein." Im Untersuchungsausschuss des Bundestages war bereits vor anderthalb Jahren von Tierversuchen die Rede. Aber keine Partei nahm damals daran Anstoß.