Derzeit hat nahezu jeder Zug auf den Strecken der LausitzVerspätung. Fünf bis zwanzig Minuten sind zur Regel geworden.Reisende lästern: In Abwandlung der Bahn-Werbung - "Die Bahnschenkt Ihnen eine Stunde", müsse es vielmehr heißen "Die Bahnnimmt Ihnen einige Stunden".
Nun hat die Deutsche Bahn AG in Sorge um ihren Ruf demVerspätungschaos den Kampf angesagt. Wieder einmal. Dieses Mal,so versichern die Manager, soll es keinen Aktionismus geben. Voreiniger Zeit plakatierte die Bahn in großen Lettern in denBahnhöfen noch "99 Prozent Pünktlichkeit". Die Realität sahfreilich auch damals schon ganz anders aus.

Schwachstellen-Diagnose
SQF lautet die neue Zauberformel. Dahinter verbirgt sich das"Steuerungssystem Qualität Fahrbetrieb". Mit dessen Hilfe sollden Schwachstellen im Netz der Bahn auf den Grund gegangenwerden, verspricht Projektleiter Hans Besser. Vorerst wirdtäglich die Fahrt jedes einzelnen der rund 1200 Fernverkehrszügeelektronisch vom Abgangs- bis zum Zielbahnhof "verfolgt" undbewertet. Im Laufe dieses Jahres sollen dann die täglich 29 000deutschlandweit verkehrenden Nahverkehrszüge in das Systemeinbezogen werden.
Aufgabe des aufwändigen Unterfangens, an dem 230 Mitarbeiterbeteiligt sind und dass sich die Bahn drei Millionen Euro kostenlässt, ist es, "kranke" Züge herauszufinden. Die Ursachen derKrankheit, sprich der Verspätung, sollen diagnostiziert werden.Dann steht die Vor-Ort-Therapie an, bis aus dem „kranken“schließlich wieder ein für den Reisenden berechenbarer Zug wird.
Ein derart umfassendes System gegen die Unregelmäßigkeiten habees bisher nicht gegeben, versichert Besser. Denn jetzt werde esauch mit dem "Schwarzer Peter Spiel" vorbei sein, bei deminnerhalb der Bahn ein Bereich dem anderen die Schuld fürbestimmte Zugverspätungen in die Schuhe schieben kann.
Die Gründe für den unberechenbaren Zugverkehr sind vielfältig.Sie reichen von der Baustelle an der Strecke über Störungen ander Elektronik des Stellwerkes oder eines Fahrzeugs bis zumSuizid. Davon passieren auf deutschen Eisenbahnstreckendurchschnittlich drei pro Tag. Danach kommt es zu stundenlangerStreckensperrung und in der Folge zu Verspätungen, die sich imNetz der Bahn ausbreiten.
Auch die zurzeit etwa 700 Baustellen machen der Bahn das Lebenschwer. Zwar seien Bauarbeiten weitgehend in den Fahrplänenberücksichtigt, erklärt Besser, aber bei der Koordinierung lägenReserven. "Mit unserem Qualitätssystem wollen wir Einfluss aufdie Planung von Baumaßnahmen ausüben. Denn sie werden in denkommenden fünf bis sechs Jahren zunehmen, sagt der Projektchefvoraus.
Viele Verspätungen haben ihre Ursache aber auch inFahrzeugstörungen. Seit Monaten steigt der Anteil nichteinsatzfähiger Fahrzeuge alarmierend an, wie die Bahn eingestehenmusste. Mängel an neuen, von der Industrie gelieferten Fahrzeugenwie am Super-Hochgeschwindigkeitszug ICE 3 kommen hinzu.

Druck durch Wettbewerb
"Mit SQF kommt Druck auf die Tube des Bahnbetriebs", glaubtBesser. Dieser Druck nimmt auch durch den Wettbewerb auf derSchiene zu. "Es gibt inzwischen Länder, die bestellen ihreRegionalzugleistungen bei der Deutschen Bahn unter der Bedingungvon 95 Prozent Pünktlichkeit - sonst drohen Strafen inMillionenhöhe."
Eisenbahner haben indes noch ein weiteres Problem entdeckt, vondem die Bahnoberen nicht reden: Zur Kostensenkung sind dieZugumläufe heute so knapp bemessen, dass der Prozess kaum noch zubeherrschen ist. Folge auch hier: massive Verspätungen.