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| 10:01 Uhr

Treffen zwischen Merkel und Trump
Deutsche Industrie fürchtet US-Strafzölle

Berlin/Düsseldorf. Die Bundeskanzlerin setzt in Washington weiter auf die Deeskalation des Handelsstreits. Aus guten Gründen: Protektionismus kann die deutsche Wirtschaft nicht vertragen. Jeder zweite Industrie-Job hängt am Export. Jan Drebes, Kristina Dunz, Birgit Marschall und Maximilian Plück

Die Bundeskanzlerin setzt in Washington weiter auf die Deeskalation des Handelsstreits. Aus guten Gründen: Protektionismus kann die deutsche Wirtschaft nicht vertragen. Jeder zweite Industrie-Job hängt am Export.

Gebannt verfolgen die Vertreter der deutschen Wirtschaft den Besuch der Bundeskanzlerin heute bei US-Präsident Donald Trump. Denn von einem diplomatischen Erfolg Angela Merkels bei Trump hängt für die exportorientierten deutschen Unternehmen enorm viel ab. Die von Trump angedrohten Strafzölle auf Stahl- und Aluminium-Importe aus Europa könnten Vergeltungsmaßnahmen der EU nach sich ziehen. Einschränkungen im Außenhandel wären aber Gift vor allem für die deutsche Industrie, die ihre Umsätze großteils im Ausland erzielt.

Welche Strategie verfolgt Trump?

Der US-Präsident sieht sich als knallharten Geschäftsmann: Durch Drohungen will er seine Geschäftspartner einschüchtern, um bei anschließenden Verhandlungen Vorteile für die USA zu erzwingen. Verhandlungserfolge etwa mit Südkorea haben Trump gezeigt, dass diese Strategie erfolgreich sein kann. Strafzölle von 25 Prozent auf Stahl und Aluminium hat Trump bereits gegen Lieferanten aus vielen Teilen der Welt verhängt, Kanada, Australien, Mexiko und einige andere Länder davon aber ausgenommen. Trump zielt vor allem auf China, dessen Dumpingpreise er nicht mehr weiter tolerieren möchte. Doch auch von der EU erwartet er Zugeständnisse. Trump hat der EU deshalb nur eine vorläufige Ausnahme von den Strafzöllen bis zum 1. Mai gewährt. Damit setzte er die EU zusätzlich unter Druck. Seine Strategie zielt auch darauf, die EU-Staaten untereinander zu spalten. Denn diese verfolgen durchaus unterschiedliche Interessen. Frankreich etwa will seine Agrarindustrie stärker schützen, Deutschland Autohersteller und Maschinenbauer.

Welche Strategie fahren Bundesregierung und EU?

Berlin, Paris und Brüssel haben erkannt, dass eine Spaltung der EU kontraproduktiv wäre. Deshalb stimmen sich alle Beteiligten in Europa eng ab. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron etwa telefonierte gestern nach seinem Staatsbesuch in Washington mit der Bundeskanzlerin vor deren Abflug in die USA. Zuständig für die europäische Handelspolitik ist EU-Kommissarin Cecilia Malmström, die in Berlin einen guten Ruf genießt. Auch nach einem möglichen Inkrafttreten der US-Strafzölle Anfang Mai werde man weiter verhandeln, hieß es. Allerdings will sich die EU vor billigen Stahl- und Aluminium-Importen schützen, die eigentlich für die USA bestimmt waren und jetzt nach Europa umgeleitet werden dürften. Diese kommen vor allem aus China. Zudem sind Vergeltungsmaßnahmen der EU im Gespräch.

Was sagen Experten?

Während die Bundesregierung und Wirtschaftsverbände auf Deeskalation setzen, empfehlen einige Ökonomen einen harten Kurs gegenüber Trump. "Sollte es zu US-Strafzöllen kommen, muss die EU mit Härte reagieren. Ansonsten machen sich die Europäer unglaubwürdig", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. "Die beste Strategie wäre es, gezielt Produkte mit deutlich höheren Zöllen zu belegen, die aus den Wahlkreisen einflussreicher Republikaner kommen. Nur so kann Europa indirekt den Druck auf Präsident Trump erhöhen", sagte er.

Was könnte die EU Trump anbieten?

er Präsident möchte vor allem durchsetzen, dass EU-Zölle auf US-Autos verringert werden. Auf Pkw-Importe aus den USA verhängen die Europäer zehn Prozent, die USA dagegen nur rund drei. Unter Einberechnung der für die Vereinigten Staaten wichtigen größeren Fahrzeuge wie Pick-ups oder SUVs gebe es aber schon "fast ausgeglichene" Zölle, hieß es in Regierungskreisen. In der gesamten Industrie mit Ausnahme des Agrarsektors seien die Zölle in Europa sogar niedriger als in den USA: dort 1,6 Prozent, in Europa 1,4 Prozent.

Warum ist der Handelsüberschuss mit den USA so hoch?

Wesentlicher Grund ist die hohe deutsche Wettbewerbsfähigkeit. Deutsche Pkw etwa haben im Ausland einen sehr guten Ruf, trotz des Diesel-Skandals. Sie finden im Ausland guten Absatz, wie viele andere deutsche Produkte auch. Es gebe zwar einen deutschen Handelsüberschuss gegenüber den USA; das Handelsbilanzdefizit der USA gehe aber zurück, seit 2015 von 2,1 auf 1,6 Prozent der US-Wirtschaftsleistung, hieß es in Regierungskreisen. Für den Handel seien Faktoren verantwortlich, die von der Bundesregierung nicht beeinflusst werden könnten, wie etwa die Währungskurse, der Ölpreis oder die demografische Entwicklung. Deutsche Firmen investierten in den USA 210 Milliarden Euro, während die USA in Deutschland nur 112 Milliarden investierten.

Welche Folgen hätte die Eskalation des Handelsstreits insgesamt für die deutsche Wirtschaft?

Das "Geschäftsmodell" der deutschen Wirtschaft beruht nach wie vor auf ihrer besonderen Exportstärke. Millionen Arbeitsplätze hängen am Außenhandel. Sinkt der Auslandsabsatz, gehen die Gewinne zurück - und die gesamte deutsche Konjunktur wäre bedroht. Jeder zweite Job in der Industrie hänge vom Export ab, sagt Industriepräsident Dieter Kempf.

Wie stark wäre NRW von den Zöllen betroffen?

Die NRW-Unternehmen geben sich angesichts der drohenden Strafzölle bislang betont gelassen. Stahlkonzerne wie Thyssenkrupp produzieren in erster Linie für europäische Abnehmer. Der Essener Konzern liefert etwa zwei Drittel des Stahls an Kunden, die in einem Umkreis von 500 Kilometern um das Stahlwerk in Duisburg angesiedelt sind. Die Stahlexporte in die USA machen einen kleinen einstelligen Prozentbetrag aus. Der Essener Aluminium-Produzent Trimet beliefert ebenfalls überwiegend Kunden in Europa mit seinen Legierungen und Gusskomponenten. Von Importzöllen wäre man nicht direkt betroffen. Problematisch wird es für die NRW-Unternehmen allerdings dann, wenn Länder wie China ihre bislang für den US-Markt vorgesehenen Produkte nach Europa umleiten.