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Des einen Freud', des anderen Leid

Der niedrige Ölpreis verbilligt Transporte, Heizöl, Heizung und Tanken.
Der niedrige Ölpreis verbilligt Transporte, Heizöl, Heizung und Tanken. FOTO: dpa
Sprit zu Schleuderpreisen – die Autofahrer können ihr Glück in diesen Tagen kaum fassen. Doch der rapide Ölpreisverfall hat auch seine Schattenseiten. Die RUNDSCHAU erklärt die Auswirkungen auf Verbraucher, Wirtschaft und Umwelt. Stefan Vetter

Wie haben sich die Preise entwickelt?
Die Ölpreise liegen aktuell auf dem niedrigsten Stand seit März 2003. Das wirkt sich vor allem auf die Benzinpreise aus. So kostete ein Liter Super zwischen dem 1. und 18. Januar bundesweit im Schnitt 1,25 Euro. Der Liter Diesel lag bei 99,5 Cent. Zum Vergleich: Mitte 2015 waren es bei Super noch gut 1,50 Euro. Der Liter Diesel kostete mehr als 1,20 Euro.

Woher rührt der Preisverfall?
Die Reservetanks sind weltweit so voll wie noch nie. Die Konjunkturschwäche in China und den Schwellenländern bremst die Nachfrage. Gleichzeitig gibt es ein Überangebot an Öl. Durch die umstrittene Fracking-Methode sind die USA inzwischen weniger auf Ölimporte angewiesen. Nach der Aufhebung des Wirtschaftsembargos gegen den Iran drängt ein weiterer großer Anbieter auf den Weltmarkt. All das lässt die Preise purzeln. Kostete ein 159-Liter-Fass (Barrel) der Nordseesorte Brent im Jahr 2008 noch bis zu 146 Dollar, so liegt der Preis jetzt bei nur etwa 30 Dollar.

Wie profitiert Deutschland?
Im Durchschnitt importiert Deutschland knapp 700 Millionen Barrel Öl pro Jahr. In allen Konjunkturprognosen ist ein bestimmter Ölpreis unterstellt. Der Konjunkturexperte des DIW, Simon Junker, geht davon aus, dass eine unverhoffte Ersparnis von zehn Dollar pro Barrel zu einem zusätzlichen Schub von 0,15 Prozentpunkten führen kann. Bei 20 Dollar wären es 0,3 Prozentpunkte. Statt 1,8 Prozent Wachstum, wie es die Bundesregierung für 2016 unterstellt, wären also rund zwei Prozent möglich. Die Kehrseite des Preisverfalls ist freilich, dass Erdöl exportierende Länder ihre Einfuhren drosseln. In die arabische Welt gehen dann mangels Nachfrage zum Beispiel weniger Luxusautos, was wiederum den deutschen Export belastet.

Wem schadet der niedrige Ölpreis?
Vor allem den Ländern, die das "schwarze Gold" fördern und bei denen die Staatsfinanzen zum großen Teil von den entsprechenden Einnahmen abhängen. Das gilt zum Beispiel für Russland. Präsident Putin sieht in dem Preistief mittlerweile eine größere Gefahr für sein Land als durch die westlichen Wirtschaftssanktionen. Im russischen Etat ist ein Preis von 50 Dollar pro Barrel unterstellt. Jeder Dollar weniger bedeutet staatliche Mindereinnahmen von etwa zwei Milliarden Dollar. Drastische Haushaltskürzungen dürften deshalb unvermeidlich sein. Aber auch Saudi-Arabien ist getroffen. Angeblich mussten sich Saudis schon im vergangenen Jahr mit rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung verschulden, um die Einnahmeausfälle aus dem Ölgeschäft zu kompensieren.

Was ist mit den alternativen Energien?
Je stärker der Preis für fossile Rohstoffe sinkt, desto unattraktiver werden alternative Energieträger. "Wer sich vielleicht ein Elektroauto kaufen wollte, der wird noch stärker überlegen, ob er das tut, weil er dann noch mehr draufzahlt", sagte Harald Hecking vom Energiewirtschaftlichen Institut der Uni Köln unserer Zeitung. Dies gelte auch bei Heizungen. So sei der Marktanteil von Ölheizungen schon im vergangenen Jahr wieder gestiegen. Nach Angaben des Branchenverbandes gingen die Verkaufszahlen allein bis September um rund 30 Prozent nach oben. "Bei umweltfreundlichen Konkurrenztechnologien wie etwa Wärmepumpen sinkt die Nachfrage", so Hecking.

Wie geht es mit dem Ölpreis weiter?
Auf kürzere Sicht sagen Analysten weitere Preisstürze voraus. Die Spanne reicht von 20 bis 16 Dollar pro Barrel. Im Ex tremfall können es sogar null Dollar sein, um das Öl schlicht loszuwerden, weil sonst die Lagerhaltung teurer kommt. Bereits gestern rutschte der Preis für eine allerdings qualitativ minderwertige US-Sorte auf 1,50 Dollar pro Barrel. Im Jahresverlauf ist aber wieder mit steigenden Preisen zu rechnen. Allein schon deshalb, weil die Produktion in den USA zurückgehen dürfte. Denn die Fracking-Industrie ist durch den Preisverfall kaum noch konkurrenzfähig. Einer Studie zufolge könnte bis Mitte 2017 jeder dritte Öl- und Gasproduzent in den USA pleitegehen, falls der Preis pro Barrel unter 50 Dollar bleibt.