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| 19:01 Uhr

Sprit-Engpass
Der Sprit wird knapp – und er ist sehr teuer

Das Wahrzeichen von Bingen, der Mäuseturm, der mitten im Rhein steht, ist aufgrund des Niedrigwassers zurzeit zu Fuß erreichbar.
Das Wahrzeichen von Bingen, der Mäuseturm, der mitten im Rhein steht, ist aufgrund des Niedrigwassers zurzeit zu Fuß erreichbar. FOTO: dpa / Thomas Frey
Berlin. Nach dem trockenen Sommer sind die Pegelstände der Flüsse zu niedrig für den Benzintransport. Von Igor Steinle

Autofahrern bleibt momentan nichts erspart. Nicht nur drohen in einigen Städten Diesel-Fahrverbote, an vielen Zapfsäulen fehlt inzwischen sogar der Treibstoff, mit dem man überhaupt in die Städte fahren könnte. Einzelne Tankstellen mussten den Verkauf von Diesel und Benzin zeitweise ganz einstellen, berichtet der Bundesverband Freier Tankstellen (BTF). Grund für den Lieferengpass ist die Dürre in Deutschland.

Der ausbleibende Regen hat zu niedrigen Wasserständen in mehreren deutschen Flüssen geführt, was die Binnenschifffahrt stark einschränkt. Vor allem der Pegel des Rheins, der Hauptschlagader der Treibstoffversorgung Süd- und Westdeutschlands, macht den Tankstellen zu schaffen. „In den Tanklagern entlang des Rheins kommt nicht genug Treibstoff an, weil die Tankschiffe nur noch halb so viel oder noch weniger Benzin und Diesel transportieren können“, erklärt ein Sprecher des Tankstellen-Branchenführers Aral. Welche Tankstelle der Benzinmangel trifft, sei zwar nicht vorhersehbar, sagt BTF-Geschäftsführer Stephan Zieger. Vor allem der Süden und Westen Deutschlands gelten jedoch als gefährdet. So sind die Raffinerien und Tanklager im Norden und Osten des Landes relativ gut versorgt, etwa durch die russische Erdölpipeline „Drushba“.

Im Süden jedoch ist man vom Rhein abhängig. Umso mehr, da es in einer Erdölraffinerie im bayerischen Vohburg an der Donau erst im September eine Explosion gab. Der Produktionsort für Benzin ist deswegen nur noch zur Hälfte einsatzfähig. „Das verschärft die Situation“, sagt Alexander von Gersdorff, Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbands (MWV).

Die Kosten für die komplizierte Versorgungslage zahlt letztlich der Endverbraucher. Die Spritpreise befinden sich laut ADAC auf Rekordniveau. Trotz sinkender Rohölpreise auf dem Weltmarkt kostet der Liter E10-Super bundesweit durchschnittlich 1,54 Euro. Die unterschiedliche Situation in Nord und Süd macht sich auch hier bemerkbar: Die Super-Preise in Karlsruhe und Rostock liegen derzeit etwa zwölf Cent auseinander.

Aber auch im Osten spiegelt sich die Versorgungslage im Preis wider – in Berlin-Brandenburg lagen Super und Diesel am Freitag zum Teil nur um neun Cent auseinander, obwohl die steuerliche Belastung von Diesel rund 22 Cent unter der von Benzin liegt. Der Automobilverband verdächtigt die Tankstellen, die Krise auszunutzen, um die Preise stärker hochzuschrauben als eigentlich nötig. Die Preisentwicklung lasse sich durch das anhaltende Niedrigwasser „nicht überzeugend begründen“, findet der Automobilclub. „Die bundesweite Preisgestaltung an den Zapfsäulen ist daher deutlich überzogen.“

Der MWV hat währenddessen aufgrund der außergewöhnlichen Situation eine Lockerung des Sonntagsfahrverbots für Lkw gefordert. Dabei würde ein Ausweichen des Benzin-Transports vom Wasser auf die Straße die Situation höchstens abmildern. „Das ist so, als ob sie ein Containerschiff mit einem Cinquecento ersetzen wollen“, beschreibt von Gersdorff das Problem. Für die 2000 Tonnen Ladung, die ein übliches Binnenschiff transportieren könne, bräuchte man mehr als 100 Tanklaster.

Die Binnenschiffer hingegen fordern staatliche Hilfe für ihre Branche. „Für die klein und mittelständisch geprägte Branche sind derart lang anhaltende und intensive Niedrigwasserlagen existenzbedrohend“, warnt Martin Staats, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB). Denn das Problem beschränkt sich nicht allein auf den Rhein: An Elbe und Oder ist die Verteilung von Containern ins Hinterland schon vor Monaten zum Erliegen gekommen.

Vorstellen kann sich Staats deswegen Geldspritzen, wie sie die Forst- und die Landwirtschaft erhalten haben. Wegen der Dürre in ihrer Existenz bedrohte Landwirte bekamen vom Bund Hilfen, in der Schifffahrt blieben Betroffene jedoch auf Ausfällen sitzen. Die Bundesregierung will der Branche bisher lediglich bei der Umrüstung auf klimaschonende Motoren entgegenkommen.

Dass sich die Situation bald ändert, ist nicht absehbar. „Dafür müsste es wochenlang kräftig regnen“, sagt MWV-Sprecher von Gersdorff. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde bestätigt: „Die aktuellen Niederschläge sorgen eventuell für einen geringen Anstieg. Aber eine grundsätzliche Änderung ist nicht in Sicht“, sagt ein Sprecher. Die Branche wäre momentan schon froh, wenn sich die Lage nicht weiter verschlechtert. Das jedoch könnte bei einem frühen Wintereinbruch eintreffen. Das flache Wasser auf dem Rhein würde dann schneller zufrieren als sonst und die Schifffahrt weiter erschweren.