ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:00 Uhr

Der Schutz des Herings zwingt Ostseefischer in die Häfen

Fischer Hans Ewert steht an der Kaikante im Hafen Gager auf der Insel Rügen und starrt aufs Meer. Seit drei Wochen liegt sein Kutter im Hafen: Heringsquote ausgefischt, Dorschquote ausgefischt – Fangstopp. Von Martina Rathke

Der 58-Jährige kann seinen Frust kaum noch verbergen. "Was die mit uns Fischern machen, geht auf keine Kuhhaut mehr", erbost sich der Chef der Fischereigenossenschaft in Gager. Alle 19 Fischer der Genossenschaft sind derzeit zum Nichtstun verdammt. "Irgendwann kann man uns im Museum besuchen."
Das Unheil hatte sich bereits im Mai angedeutet: Hinter den Fischern lag eine ausgesprochen gute Frühjahrssaison mit mehr als 14 000 Tonnen Hering in den Netzen. Damit war die regionale Quote für Mecklenburg-Vorpommern bis auf wenige Tonnen ausgefischt. Nun hatten die hiesigen Kutterfischer zwischen Rügen, Stahlbrode und Freest auf die turnusgemäßen Verhandlungen im Herbst gesetzt und darauf, dass Fischer und Erzeugerge-nossenschaften aus Schleswig-Holstein einen Teil ihrer nicht abgefischten Ostsee-Heringsquote an den östlichen Nachbarn abgeben. Doch dieses Kalkül ist nicht aufgegangen.
"Keiner war bereit, Quote abzugeben", fasst der Chef des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer, Norbert Kahlfuß, das Ergebnis zusammen. Denn die Erzeugergenossenschaften und Fischer, die noch auf Heringsfang gehen dürfen, können ihre Quote offenbar allein abfischen. "Eine verfahrene Kiste", schimpft Kahlfuß, der seinen Kollegen aus den westlichen Bundesländern eigentlich nicht so richtig böse sein kann.
Seine Enttäuschung richtet sich vor allem gegen die EU-Fischereipolitik. Seit Jahren sehen sich die Fischer immer stärkeren Restriktionen ausgesetzt: Neben den niedrigen Quoten müssen sie zeitlich befristete Fangverbote einhalten. Zudem droht die Sperrung von Laichgebieten für den Fischfang. Mit den Reglementierungen will die EU die Bestände von Dorsch und Hering in der Ostsee langfristig sichern. Vor allem die Dorschbestände gelten als bedroht. „Der EU ist der Fisch wichtiger als der Fischer“ , erklärt Norbert Kahlfuß.

Gereizte Stimmung
Die Stimmung unter den rund 380 Kutter- und Küstenfischern in Mecklenburg-Vorpommern ist mittlerweile gereizt. "Das dauert nicht mehr lange und wir haben ähnliche Verhältnisse wie in Frankreich", macht sich Friedemarie Kunschke, Vizechefin des Landesverbandes, Luft. Der Gagerer Fischer Hans Ewert hat sich beispielsweise vor fünf Jahren einen neuen Kutter angeschafft. Rund 200 000 Euro kostete sein Schiff - so viel wie ein kleines Einfamilienhaus. "Die Kredite wollen bedient werden, auch die Seekasse bucht ab - nur rein kommt nichts", klagt er.
Lediglich die Sassnitzer Seefischer sind derzeit noch auf Heringsfang. Die Sassnitzer, die sich nach jahrelangem Streit mit dem Landesverband in Mecklenburg-Vorpommern der Erzeugergenossenschaft in Cuxhaven (Niedersachsen) angeschlossen haben, hatten im Frühjahr ihre Quote nicht vollständig ausgefischt und profitieren jetzt von dieser Entscheidung.

Kutter zu klein
Bei den kleineren Fischereigenossenschaften und Einzelfischern liegen hingegen die Kutter in den Häfen. Zwar gibt es östlich Bornholms noch einen Bestand von rund 200 Tonnen Dorsch, die noch bis Ende Dezember abgefischt werden können. Doch das nutzt den hiesigen Küstenfischern wenig. Denn die meisten von ihnen haben so kleine Kutter, dass sie sich nicht aus der Drei-Seemeilen-Zone herausbewegen können.
Einige Fischer gehen mittlerweile auf Flunder-Jagd. Da sich in diesen Netzen auch Dorsche verfangen können, haben nur die Fischer eine Alternative, deren persönliche Dorschquote noch einen kleinen Puffer lässt. Doch das große Geld kommt damit nicht in die Kasse. "Bei 20 Cent pro Kilo deckt das nicht einmal die Dieselkosten", erklärt Kahlfuß.