ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:51 Uhr

Interview mit Mode-Expertin Ingeborg Neumann
„Der Schlüssel ist die Digitalisierung“

  Engagement für nachhaltige Mode: Ingeborg Neumann (Mitte) an der Seite von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet bei der Polit-Fashion-Night.   Foto: Nadine Ziliges
Engagement für nachhaltige Mode: Ingeborg Neumann (Mitte) an der Seite von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet bei der Polit-Fashion-Night. Foto: Nadine Ziliges FOTO: Nadine Zilliges
Berlin . Die Verbands-Präsidentin der Textil- und Modeindustrie über die Zukunft der Branche.

Ingeborg Neumann sieht die Modebranche in Deutschland im Umbruch. Als ein Problem der Zukunft bezeichnet sie den Fachkräftemangel.

Frau Neumann, Gerry Weber ist in Insolvenz, andere prominente Modefirmen fahren einen harten Sanierungskurs – ist die deutsche Modeindustrie tot?

Ingeborg Neumann: Nein, überhaupt nicht. Das konnten Sie diese Woche wieder auf der Fashion Week in Berlin erleben. Unsere deutschen Marken haben weltweit einen guten Ruf und konnten bereits vergangenes Jahr die schwächere Inlandsnachfrage mit guten Exportzahlen ausgleichen. In den ersten vier Monaten dieses Jahres haben die Umsätze der deutschen Textilindustrie sogar wieder um 2,5 Prozent und die Zahl der Beschäftigten um 1,5 Prozent zugelegt.

Ist Deutschland ein guter Standort für Mode?

Neumann: Auf alle Fälle. Uns fehlt manchmal aber vielleicht die Leichtigkeit wie in Italien oder Frankreich. Dafür sind wir stark, wenn es um Design und Qualität geht. Aus Deutschland kommen die meisten textilen Innovationen. Wir sind eben das Land der Ingenieure.

Wichtige Themen sind Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Welchen Einfluss hat das auf die Modeindustrie? Wird mehr Qualität gekauft?

Neumann: An den Zahlen ist nicht abzulesen, dass die Verbraucher bereit sind, für nachhaltige Bekleidung mehr Geld auszugeben. Es geht immer noch viel über den Preis.

Ist nicht Nachhaltigkeit ein großer Trend?

Neumann: Ja, und das bestätigt unseren Weg auch, nach weltweit besten Umwelt- und Sozialstandards zu produzieren. Ich bin fest überzeugt, dass Nachhaltigkeit in der Mode nicht nur ein Trend ist, sondern unsere Branche in den kommenden Jahrzehnten umwälzen wird. Der Schlüssel ist die Digitalisierung, die die Textilindustrie langfristig so stark verändern wird wie zuletzt vielleicht die Erfindung des Webstuhls.

Was ist für die deutschen Firmen das Hauptproblem im Alltag?

Neumann: Vor 20 Jahren wurden hauptsächlich die großen Händler wie Karstadt und Kaufhof beliefert. Dann haben viele Marken eigene Shops eröffnet. Das reicht inzwischen nicht mehr, sie brauchen eine Vermarktungsstrategie im Netz. Alle drei Kanäle zu bespielen und dafür das jeweils passende Marketing zu haben, ist für einen Mittelständler eine Herausforderung bei den Investitionen, aber auch beim Personal.

Gibt es irgendwann keine Läden mehr, sondern nur noch Online?

Neumann: Nein, Läden wird es immer geben, solange die Kunden beraten werden wollen. Nicht umsonst probieren auch Zalando oder Amazon Shops aus. Aber für jeden Weg ist ein eigenes Konzept nötig.

Innovative Textilien aus Deutschland sind für Ihre Branche längst viel wichtiger geworden als Mode. Was passiert da?

Neumann: Wir haben viele Hidden Champions, die komplett in Deutschland produzieren. Sie finden Textil aus Deutschland im Wohnbereich, in Autos, in Flugzeugen, und das nicht nur als Sitze oder Teppiche, sondern auch als tragende Leichtbauteile. Weltweit kommen inzwischen Stadion-Dächer oder Fassaden aus deutscher Textilproduktion. Die Architektur steht erst am Anfang, den textilen Leichtbau mit all seinen Möglichkeiten als Alternative zu Beton einzusetzen.

Die nächste Stufe des Strukturwandels könnte das 3D-Drucken sein. Bringt das eine neue Revolution?

Neumann: Ich würde nicht gleich von einer Revolution reden. Aber wir erleben einen spannenden Umbruch. In jedem Fall können wir damit in Zukunft die Nachfrage nach Individualisierung decken. Erste Fabriken, die bei uns Sportschuhe auf den jeweiligen Fuß des Kunden herstellen, zeigen, wohin die Reise geht. Wir können ganz nah am Kunden produzieren, ohne lange Lieferwege, ohne Zeitverzug, ohne Lagerhaltung. In der Breite sehe ich hier aber noch keine Rückverlagerung der Produktion nach Europa. Das wird nicht so schnell passieren.

Ihre Branche ist stark mittelständisch geprägt. Sie werfen Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier vor, zu wenig für sie zu tun. Woran machen Sie das fest?

Neumann: In Sonntagsreden wird der Mittelstand immer als Rückgrat unserer Wirtschaft gelobt, aber konkret passiert nichts. Zum Beispiel bei den Strompreisen. Allein die EEG-Umlage für Strom aus erneuerbaren Energien ist für uns so hoch wie der gesamte Strompreis in den USA. In unserer Branche ist fast niemand von der EEG-Umlage befreit, obwohl unsere Produktion energieintensiv ist. Das schlägt sich massiv auf unsere Wettbewerbsfähigkeit nieder und ist für unsere Unternehmen existenzgefährdend.

Nimmt sich Altmaier das zu Herzen?

Neumann: Ich will hier nicht die ganze Verantwortung beim Wirtschaftsminister abladen. Die Antworten muss die Bundesregierung als Ganzes geben. Vorschläge aus dem Wirtschaftsministerium werden vom SPD-Finanzminister blockiert.

Hier wird nicht mehr zusammengearbeitet, sondern Klientelpolitik betrieben, statt Steuern und Energiepreise zu senken oder Unternehmen von viel unsinniger Bürokratie zu entlasten.

Haben Sie ein Beispiel für Bürokratie?

Neumann: Das fängt bei Aufbewahrungsfristen und Dokumentationspflichten an und geht weiter über Papieranträge mit Firmenstempel, die schnell und unbürokratisch auch im Online-Verfahren zu erledigen wären.

Wie groß sind die Probleme, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden?

Neumann: Wir spüren den demografischen Wandel deutlich. Im Schnitt bilden wir 2300 junge Leute pro Jahr aus. Das ist zu wenig, um den Abgang aufzufangen. Wir brauchen qualifizierte Kräfte. Deshalb sind wir aktiv geworden und haben ein Pilotprojekt mit der Bundesagentur für Arbeit gestartet. Wir wollen ausländische Fachkräfte aus Europa nach Deutschland anwerben.

Welche Länder haben Sie da im Auge?

Neumann: Wir sind da offen. Es gibt bereits erste Interessenten aus Italien, Portugal, Finnland und Bulgarien. Was mögliche Sprachbarrieren angeht, so haben wir bereits positive Erfahrungen mit Flüchtlingen gesammelt. In meinen Unternehmen in Sachsen zum Beispiel gab es eine extrem große Solidarität unter den Beschäftigten. Mit unseren Deutschkursen haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Auszubildenden helfen wir bei der Vorbereitung auf die Prüfungen. Dazu sind wir auch mit den Industrie- und Handelskammern im Gespräch.

  Engagement für nachhaltige Mode: Ingeborg Neumann (Mitte) an der Seite von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet bei der Polit-Fashion-Neight.   Foto: Nadine Ziliges
Engagement für nachhaltige Mode: Ingeborg Neumann (Mitte) an der Seite von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet bei der Polit-Fashion-Neight. Foto: Nadine Ziliges FOTO: Nadine Zilliges