Digitalisierung braucht Computerspezialisten. Aber werden werden dafür in Zukunft genug Fachkräfte da sein? Klaus-Dieter Barbknecht ist skeptisch. „Wir können gar nicht die Informatiker ausbilden, die wir hier in Sachsen brauchen“, sagte der Rektor der TU Bergakademie Freiberg beim Ostdeutschen Energieforum, das in der vergangenen Woche in Leipzig stattfand. Bei diesem jährlichen Unternehmertreffen schwebte eine Zukunftssorge im Raum, mit denen sich die Branche mehr und mehr auseinandersetzen muss: Was, wenn sich nicht genug Fachleute finden, die im Osten arbeiten wollen? Wie können die Unternehmen mithalten mit dem, was die Branchenriesen im Westen und Süden der Republik dem Nachwuchs bieten können? Wer soll dann die vielen technischen Aufgaben stemmen, die der digitale Wandel in der Region bringen wird?

Informatiker gehören zu den am meisten nachgefragten akademischen Berufsgruppen. Barbknecht rechnete vor: Die IT-Branche wächst jedes Jahr in Zehn-Prozent-Schritten. Mindestens 30 000 Informatiker würden in den nächsten Jahren gebraucht. Aber nicht einmal 1000 Absolventen verlassen die sächsischen Hochschulen im Jahr. „Wir geben 35 Millionen aus für universitäre Ausbildung von Informatikern“, sagte der 61-jährige Jurist, der seit 2015 die traditionsreiche Bergakademie leitet. „Wir bräuchten das Doppelte unter der Voraussetzung, alle Absolventen bleiben im Land.“ Was viele nicht tun – sie wollen nach dem Studium lieber in die Welt hinaus – und nur wenige kommen wieder. So verschärft sich der Mangel.

Informatikermangel ist mittlerweile deutschlandweit zu spüren. Schon jetzt, heißt es in der Branche, finden die Betriebe kaum noch Nachwuchs. 2018 meldete die Bundesagentur für Arbeit 54 000 freie Stellen. Das ist Höchststand seit zehn Jahren. Im ganzen Land gibt es demnach nur noch 23 000 Arbeitslose, die eine IT-Tätigkeit anstreben.

Goldene Zeiten also für all jene, die die richtigen Abschlüsse haben. Sie können sich ihre Jobs aussuchen und von steigenden Gehältern ausgehen. Allein in Brandenburg sind aktuell 70 Stellen für Software-Entwickler frei.

Tatsächlich entscheiden sich immer mehr junge Leute für den Beruf. Das verwundert kaum bei einer Generation, die mit eigene Endgeräten aufgewachsen ist schon im Kindesalter mit dem Programmieren beginnt. Mehr als 216 000 Studenten waren 2018 bundesweit im Studienbereich Informatik eingeschrieben. Fächer wie Wirtschaftsinformatik, Bioinformatik oder schlicht angewandte Informatik erleben einen Boom. Wer sich nach dem Abi­tur den Weg in die Software-Entwicklung gehen will, kann unter knapp 2000 Studiengängen auswählen. Die BTU Cottbus Senftenberg ist vorn mit dabei. Ihre Informatik-Studiengänge schneiden in den einschlägigen Hochschul-Rankings gut ab – jedenfalls zeigen sich die Masterstudenten in entsprechenden Befragungen sehr zufrieden.

Trotzdem müssten es mehr sein. Branchenverbände wie der Verein deutscher Ingenieure (VDI) warnen regelmäßig, dass die derzeitigen Ausbildungskapazitäten den Bedarf der Zukunft nicht decken werde. Auf einen Informatiker kommen fünf freie Stellen, heißt es da. Die hungrigste Sparte ist die Software-Entwicklung.

In der Not behelfen sich Firmen mit IT-Dienstleistern, die sie fürs Programmieren und Verwalten ihrer Systeme bezahlen. Im Vorteil sind große Unternehmen wie Infineon. Der Halbleiterhersteller beschäftigt am Standort Dresden 2500 Mitarbeiter und ist einer der größten industriellen Arbeitgeber in der Region. „Wir haben gegenüber Mittelständlern den Vorteil, dass wir immer noch viele Bewerber bekommen“, sagt Sprecher Christoph Schumacher. Aber um künftigen Engpässen beim Nachwuchs entgegenzuwirken, setze man auf Weiterbildungen der eigenen Mitarbeiter, so Schumacher.

Die IT-Branche ist in Deutschland auf einzelne große Städte konzentriert. Die attraktivsten Jobs warten in Berlin, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt und München, wo Infinion seinen Hauptsitz hat. Dagegen müssen sich die IT-Cluster des Ostens in der Peripherie behaupten. Eben dort, wo es immer schwerer wird, junge Akademiker hin zu lenken. Dabei blühen gerade hier ehrgeizige Pläne, neue Silicon Valleys zu gründen. Görlitz will sich mit Hilfe der Strukturfördermilliarden zu einem Technologiezentrum mausern. Gute Adressen sind bereits da. So hat Siemens der Stadt einen Innovationscampus versprochen. Auch beim Verteilen von Forschungsinstituten wurde Görlitz reich bedacht. Das neu gegründete Institut für interdisziplinäre Systemforschung mit Namen Casus soll in naher Zukunft 200 Spezialisten Arbeit bieten. Das kann nur klappen, wenn genug Nachwuchs von den Hochschulen auch in der Region bleibt. Und wenn sich überhaupt die Studienanfänger finden, die es auf Dauer braucht.

Die Nachwuchswerbung müsse bei den ganz Jungen ansetzen, meinte der Vorstandsvorsitzende der Leag, Helmar Rendez, beim Leipziger Energieforum. „Es ist wichtig, dass man Jugendlichen ein positives Bild diese Berufs vermittelt“, so Rendez. „Und man muss ihnen gleich sagen, dass wir hier in der Region gute Jobs anbieten können.“