| 15:22 Uhr

Interview mit Gustav  Horn
„Manchmal ist Zeit wertvoller als Geld“

Die IG Metall hatte ihren Forderungen bundesweit mit Streiks Nachdruck verliehen.
Die IG Metall hatte ihren Forderungen bundesweit mit Streiks Nachdruck verliehen. FOTO: Lino Mirgeler / dpa
Berlin. Der Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung sieht den IG-Metall-Abschluss als Vorbild. Stefan Vetter

  Mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit und ein kräftiger Lohnaufschlag –  das ist im Kern der neue Tarifabschluss für die Metall- und Elektroindustrie. Der Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, sieht darin ein Vorbild auch für andere Branchen, wie er im Gespräch mit der RUNDSCHAU erläutert.

Herr Horn, die IG Metall hat ein individuelles  Recht auf  Verkürzung der Arbeitszeit erkämpft. Wie passt das zum allseits beklagten Fachkräftemangel  in Deutschland?

 Horn Flexibilität stellt sich aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmersicht unterschiedlich dar. Für die Unternehmen könnten die Mitarbeiter sozusagen rund um die Uhr verfügbar sein, was aber natürlich in der Praxis ein Unding ist. Auch die Arbeitnehmer wollen Flexibilität, aber ausgerichtet an ihren persönlichen Bedürfnissen. Also etwa, wenn es um Kinderbetreuung oder die Pflege naher Verwandter geht. Dafür können sie nun künftig verkürzt arbeiten. Das ist ganz in ihrem Interesse.

Also dürfte sich das Fachkräfteproblem in der Branche noch verschärfen.

 Horn Nein. Denn der Tarifabschluss hat ja noch eine andere Dimension: Im Gegenzug zur Arbeitszeitverkürzung können Unternehmen mehr Mitarbeiter länger, nämlich bis zu 40 Wochenstunden beschäftigen, als das bisher möglich war. Das ist im Interesse der  Arbeitgeber, die dadurch mehr Flexibilität in ihrem Sinne gewinnen.

Genau das hätte die IG Metall ja auch am liebsten verhindern wollen . . .

Horn Tarifverhandlungen  sind immer ein Geben und Nehmen. Jede Seite bringt ihre Interessen ein. Die einen die Flexibilität nach oben und die anderen die Flexibilität nach unten. Nun hat man beides. So ist das bei einem Kompromiss.

Rechnen Sie überhaupt mit einer starken Inanspruchnahme der Arbeitszeitverkürzung?  Schließlich gibt es dafür keinen Lohnausgleich.

Horn Aber der gesamte Lohnkuchen ist doch größer geworden. Da fällt es auch leichter,  auf  Lohn zu verzichten, wenn man dafür mehr Zeit zur eigenen Verfügung bekommt.  Auch wenn die Masse der Beschäftigten möglicherweise nicht davon Gebrauch macht, so kann doch jeder einmal in die Situation kommen,  in der Zeit wertvoller als Geld ist. Und es ist gut zu wissen, dass für eine solche Situation tarifvertraglich vorgesorgt ist.

 Bislang gibt es nur ein Recht, von Vollzeit in Teilzeit zu wechseln. Der Tarifabschluss sieht nun auch den umgekehrten Weg vor. Welche Bedeutung hat das aus Ihrer Sicht?

Horn Das ist wahrscheinlich die größte Errungenschaft dieses Tarifabschlusses.  Es gibt viele Fälle,  in denen jemand auf Teilzeit geht und die Karriere dadurch einen Knick bekommt.  Deshalb tendiert auch der Anreiz für Männer, diesen Weg einzuschlagen, praktisch gegen null. Künftig gibt es eine tarifliche Absicherung, die eine Rückkehr in Vollzeit garantiert. Dadurch wird es auch attraktiver, diese Möglichkeit zu nutzen.

Sie meinen also, dieses Tarifabschluss-Beispiel wird nun Schule machen?

Horn  Ja, auf jeden Fall. Nicht nur in der gesamten Metall- und Elektroindustrie wird das Beispiel Schule machen, sondern auch weit darüber hinaus. Die betriebliche Wahlmöglichkeit, mehr Geld oder mehr freie Zeit, ist in dieser Form noch nicht dagewesen. Aber sie entspricht der allgemeinen Tendenz, weil sie den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommt.

Mit Gustav Horn
sprach Stefan Vetter

Institutschef Gustav Horn
Institutschef Gustav Horn FOTO: Tim Brakemeier