ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:34 Uhr

Interview mit Robert Momberg
„Bau ist erst auf den zweiten Blick sexy“

ARCHIV - Drei Bauarbeiter befestigen auf einer Baustelle in Arneburg die Schalungstechnik für ein Fundament (Archivfoto vom 07.09.2005, Illustration zum Thema Baugewerbe). Der Auftragseingang im Baugewerbe hat sich im Juni nach hohen Zuwächsen in den Vormonaten deutlich abgeschwächt. Preisbereinigt gab es nur noch 0,2 Prozent mehr Bau-Aufträge als im Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag (22.08.2006) mitteilte. Von Januar bis Mai war der Auftragseingang zum Teil zweistellig gestiegen. Foto: Jens Wolf (zu dpa 0223 vom 07.09.2006) +++(c) dpa - Bildfunk+++  Wenigstens scheint die Sonne auf den Helm. Ansonsten freuen sich die Baufirmen nicht so sehr. In der Lausitz kommen sie kaum den vielen Aufträgen hinterher. Foto: dpa
ARCHIV - Drei Bauarbeiter befestigen auf einer Baustelle in Arneburg die Schalungstechnik für ein Fundament (Archivfoto vom 07.09.2005, Illustration zum Thema Baugewerbe). Der Auftragseingang im Baugewerbe hat sich im Juni nach hohen Zuwächsen in den Vormonaten deutlich abgeschwächt. Preisbereinigt gab es nur noch 0,2 Prozent mehr Bau-Aufträge als im Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag (22.08.2006) mitteilte. Von Januar bis Mai war der Auftragseingang zum Teil zweistellig gestiegen. Foto: Jens Wolf (zu dpa 0223 vom 07.09.2006) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Wenigstens scheint die Sonne auf den Helm. Ansonsten freuen sich die Baufirmen nicht so sehr. In der Lausitz kommen sie kaum den vielen Aufträgen hinterher. Foto: dpa FOTO: dpa / Z5328 Jens Wolf
Leipzig. Der Bauindustrieverbandschef sagt, der Fachkräftemangel in der Branche ist ein gesellschaftliches Problem. Von Andreas Wendt

  Heute steht eine Fusion bevor, nach der die Bauindustrieverbände Berlin-Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt zur zweigrößten Stimme in ganz Deutschland werden. Über die Fusion und die Situation der Baubranche sprach die RUNDSCHAU mit dem Hauptgeschäftsführer Robert Momberg.

Herr Momberg, alle stöhnten in den vergangenen Wochen unter der enormen Hitze – in Berlin und Brandenburg waren 35000 Bauarbeiter der prallen Sonne ausgesetzt. In der Bauverwaltung Berlin hat die Senatorin ihren Angestellten verkürzte Arbeitszeiten angeboten – die Bauarbeiter haben weit mehr auszuhalten als Verwaltungsangestellte im Büro: Sind, und wenn ja wie, die Arbeitgeber Ihnen entgegengekommen?

Momberg Das Thema Hitze ist ja ein wiederkehrendes Problem. Deshalb sind die Bauleute im Umgang mit der Hitze gut geschult. Es gibt vieles, was die Arbeitgeber tun. Ausreichend Wasser und Sonnencremes werden immer zur Verfügung gestellt. Die Arbeitszeiten werden, wenn es denn geht, auch schon einmal vorverlegt. Das hat nichts mit Siesta zu tun, aber da, wo es logistisch möglich ist, wird dann früher mit der Arbeit begonnen. Dennoch Hut ab vor den Bauarbeitern auf den Baustellen. Man stelle sich vor, dass beim Einbau von Asphalt schon mal Temperaturen von 200 Grad herrschen und dann kommt noch die Hitze „von oben“ dazu.

Wenn ich das als Außenstehender betrachte – das, was Sie gerade gesagt haben: Bekommt man da wirklich Lust auf einen solchen Job?

Momberg Wenn sich jemand für einen Beruf oder eine Ausbildung entscheidet, versucht er alles abzuwägen. Das Gegenstück zu den Temperaturen der letzten Tage heißt ja, dass man an der frischen Luft in der freien Natur ist. Es gibt immer Pro und Contra, und die Gesamtschau macht es dann. Oft ist der Bau erst auf den zweiten Blick „sexy“.

In Sachsen, Sachsen-Anhalt, aber auch in Berlin und Brandenburg sind Tausende Stellen unbesetzt. Welche Strategien hat der Verband, um dieses Problem zu lösen?

Momberg Der Fachkräftemangel ist in der Baubranche angekommen. Dahinter steckt ein demografisches Problem, das man nicht einfach am Reißbrett oder am runden Tisch ändern kann, sondern das ein gesellschaftliches Problem ist. Es ist bei den klassischen Bauarbeitern, aber auch bei den akademischen Berufen angekommen. Wir sind politisch unterwegs, um für den Bau zu werben. Wir gehen in die Schulen sind auf Messen. Wir Bauverbände machen viel, aber am Ende ist der Nachwuchs in einem Unternehmen auch eine unternehmerische Aufgabe. Dazu gehört eine strategische Personalentwicklungspolitik.

Sie bemängeln mangelndes Wissen von Schulabgängern. Haben die Schulen versagt, und müssen die Ansprüche der Arbeitgeber angesichts des Fachkräftemangels heruntergeschraubt werden?

Momberg Wenn wir uns den Bau ansehen, da spielt zum Beispiel das Thema Arbeitssicherheit eine Rolle. Wenn die Arbeitnehmer nicht das Wissen mitbringen, um sich und ihre Kollegen zu schützen, kann man das nicht so hinnehmen. Allein deswegen kann man an der Qualität der Ausbildung wenig Kompromisse machen. An der Messlatte für den Zugang zur Ausbildung zu drehen und die Anforderungen weiter nach unten zu setzen – da wäre eine Gesellschaft schlecht beraten. Es ist ja eine Errungenschaft, mit hoher Qualität Bauwerke zu errichten. Die Menschen, die in dieser Branche arbeiten wollen, müssen ein bestimmtes Niveau mitbringen. Man muss eher an den Tugenden arbeiten, dabei geht es nicht darum, Aufmaße oder Mischungsverhältnisse berechnen zu können. Es geht Pünktlichkeit, Disziplin und Verlässlichkeit – soziale Kompetenzen.

Stichwort offene Stellen: Deutschland hat sich auf die Fahnen geschrieben, Flüchtlinge zu integrieren. Gelingt das leichter in der Baubranche, in der mögliche Sprachbarrieren zunächst zweitrangig sind?

Momberg Das ist ein Instrument von vielen, um gegen den Fachkräftemangel vorzugehen. Damit löst man aber nicht alle Probleme. Sehen wir uns die sprachlichen Hürden an: Wenn man sich nicht verständigen kann, kann man unzureichend Qualität sichern, abgesehen davon, dass man auch im Team klarkommen muss. Ehe man einen Flüchtling dauerhaft im Unternehmen integrieren kann, muss man zudem so viele bürokratische Hürden nehmen, dass Unternehmen in den vergangenen Monaten oft daran gescheitert sind. Viele geben auf, weil es viel zu kompliziert ist.

Wochenende für Wochenende sieht man Konvois polnischer Bauarbeiter von Polen nach Deutschland und am Ende der Woche wieder zurück fahren. Greifen die Unternehmen auf sie zurück oder sind sie billige Konkurrenz?

Momberg Es ist nicht so, dass Polen massiv auf den deutschen Markt drägen. Der Osten Deutschlands ist auf Grund des Preisgefüges ohnehin nicht so interessant. Die Ziele liegen ja eher weiter westlich. Dennoch werden Polen in unserer Region als Nachunternehmer eingesetzt, was allerdings nicht zu größeren Marktveränderungen führt. Dass sich Unternehmen polnischer Bautrupps bedienen, ist also kein Massenphänomen. Hierzulande hat sich auch keine Niederlassung eines großen polnischen Unternehmens etabliert.

Im Speckgürtel von Berlin boomt der Wohnungsbau, in der Peripherie werden zum Teil noch Wohnblöcke „zurückgebaut“.  Man könnte schlussfolgern, dass in und um Berlin Bauarbeiter dringender gebraucht werden als im ländlichen Bereich. Ist das so?

Momberg Das kann ich so nicht beobachten. Das Fachkräfteproblem ist relativ gesehen überall gleich. Ein Unternehmen aus der Uckermark baut genauso in Berlin wie vielleicht andersherum. Der Berlin-Faktor ist natürlich gerade für die Jugend relevant, weil die Stadt aus vielerlei Gründen interessanter für die Menschen sein kann.

Nun fusionieren die Landesverbände unter Ihrer Führung. Ist das nur eine Verschlankung der Verbandsverwaltung, um Kosten zu sparen, oder hat dieser Schritt auch praktische Synergieeffekte? Wenn ja, welche?

Momberg Die Fusion ist für den 23. August vorgesehen. Wir haben alles gut vorbereitet zwischen den Verbänden Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Wir werden in fünf Geschäftsstellen aktiv sein, für die Hauptgeschäftsstelle ist Potsdam geplant. Der Hintergrund ist, dass wir in unserer politischen Schlagkraft noch zulegen können. Wir haben den Anspruch, das Sprachrohr der ostdeutschen Bauwirtschaft zu sein. Das ist die eigentliche Hauptmotivation. Das kann man mit vier Bundesländern besser machen als mit zwei Bundesländern. Im Strukturwandel der Bauwirtschaft wollen wir uns gut aufstellen, das hat auch eine ökonomische, betriebswirtschaftliche Komponente.

Wie viele Mitgliedsunternehmen werden Sie nach der Fusion vertreten?

Momberg Wir haben jeweils 130 Unternehmen, sind dann 260 mit rund 20 000 Beschäftigten.  Wir werden damit in den vier Bundesländern einen Umsatz des Bauhauptgewerbes von 18 Milliarden Euro haben. Nach Bayern sind wir dann die zweitgrößte Bauregion.

Mit Robert Momberg
sprach Andreas Wendt

Robert Moberg ist Hauptgeschäftsführer der Bauindustrieverbände Berlin-Brandenburg  und Sachsen/Sachsen-Anhalt.
Robert Moberg ist Hauptgeschäftsführer der Bauindustrieverbände Berlin-Brandenburg  und Sachsen/Sachsen-Anhalt. FOTO: Bauindustrieverband Berlin-Brand / Stine Photography