ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:02 Uhr

Bargeldlos?
Das Konto weiß, wann Sie sich scheiden lassen

 An vielen Supermarktkassen kann man mit dem Handy oder einer Smartwatch bezahlen – doch bisher nutzen das nur wenige. Dabei, meint der Digitalverband Bitkom, sei das mindestens so sicher wie Kreditkarten.
An vielen Supermarktkassen kann man mit dem Handy oder einer Smartwatch bezahlen – doch bisher nutzen das nur wenige. Dabei, meint der Digitalverband Bitkom, sei das mindestens so sicher wie Kreditkarten. FOTO: dpa / Lino Mirgeler
Berlin . In Deutschland zahlt noch immer nur eine Minderheit mit dem Smartphone. Doch ist der bargeldlose Geldverkehr auch hierzulande kaum aufzuhalten. Ist der gläserne Bürger noch zu vermeiden?

Die Deutschen gelten oft als wenig innovationsfreudig. Gerade beim bargeldlosen Bezahlen hat sich das Bild einer rückständigen Republik verfestigt, in der Hinweisschilder („keine Kartenzahlung“) neue Technologien aussperren. Eine Studie des Digitalverbands Bitkom scheint dies nun zu bestätigen: Während das Bezahlen mit dem Smartphone im Ausland längst Alltag ist, haben in Deutschland nur ein Drittel aller Kunden an einer Ladenkasse schon mal mit Handy oder smarter Armbanduhr bezahlt. Doch auch hierzulande scheint die schleichende Übernahme durch das bargeldlose Zahlen nicht aufzuhalten.

So wurden zwar drei von vier Bezahlvorgängen laut Bundesbank 2017 noch immer mit Scheinen und Münzen getätigt. Gleichzeitig jedoch glaubt die Hälfte aller Bundesbürger laut Bitkom, dass Bargeld in den kommenden zehn Jahren nicht mehr das dominierende Zahlungsmittel sein wird. Die Zahlen der Bundesbank stützen diese Annahme: Der Baranteil am Gesamtumsatz ist zuletzt auf unter 50 Prozent gefallen. Gerade kontaktloses Bezahlen weist hohe Zuwächse auf. Bitkom-Präsident Achim Berg stimmen die 30 Prozent Smartphone-Zahler deswegen optimistisch. „Das ist eine Größenordnung, die ich nicht erwartet habe“, sagte er.

Etwas mehr als die Hälfte dieser Bezahl-Avantgarde würde die neue kontaktlose Technik im Supermarkt nutzen. 70 Prozent der deutschen Filialen seien bereits mit den neuen Bezahlterminals aufgerüstet. „Wer es einmal versucht hat, der nutzt es danach immer wieder“, sagt Ulrich Binnebößel vom Handelsverband Deutschland HDE. Das liegt auch daran, dass die NFC-Technologie („Near Field Communication“, zu Deutsch: Nahbereichs-Kommunikation) so schnell und einfach funktioniert. Unterstützt die eigene EC-Karte, Armbanduhr oder das Smartphone diese Technologie, muss man das Gerät lediglich für eine Sekunde ans Terminal halten und der Zahlvorgang ist abgeschlossen – eine PIN-Eingabe ist nicht notwendig.

Die Berliner Salat- und Suppenkette Little Green Rabbit etwa akzeptiert seit knapp einem Jahr nur noch Kartenzahlung. Dort schwört man auf den Zeitgewinn durch die schnelle Abfertigung. Und selbst die kleinen Brezel-Stände der Ditsch-Kette sind inzwischen mit den neuartigen Scannern ausgestattet. Vorbei scheinen also die Zeiten, in denen man skeptisch beäugt wurde, weil man den Kaugummi für 89 Cent mit Karte bezahlen wollte. Nur noch ein Drittel der Kunden berichtet, dass es ihnen noch so geht.

Aber kann Bezahlen über Funk und ohne Sicherheitscode denn sicher sein? „Es ist genauso sicher wie die Kreditkarte“, beruhigt Berg. Und auch Verbraucherschutz- und Justizministerin Katarina Barley (SPD), die bei der Vorstellung der Studie ebenfalls dabei war, ist der Meinung, dass kontaktloses Bezahlen genauso funktioniere wie das Lastschriftverfahren: „Es ist eine neue Schnittstelle für ein altes Bezahlsystem.“ Die Gefahr liege woanders, warnt die Ministerin. „Es gibt jetzt schon jede Menge Möglichkeiten, Personendaten zu verknüpfen. Wenn jetzt noch die Bezahldaten hinzukommen, werden die Menschen noch gläserner.“

Der Datenschutz beim Handy-Zahlen treibt auch Key Pousttchi Sorgenfalten auf die Stirne. Der Potsdamer Professor für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung nennt mobiles Bezahlen deswegen analysierendes Bezahlen: „Wer das stationäre Internet nutzt, hinterlässt eine Datenspur. Auf dem Smartphone wird daraus ein Datenteppich“, so Pousttchi. Mithilfe Künstlicher Intelligenz, die in der Lage ist, in großen Datenmengen Muster zu erkennen, werde das Verhalten der Menschen immer vorhersehbarer.

Ein Beispiel: „Mastercard kann seit vielen Jahren vorhersagen, ob sich jemand scheiden lässt“, sagt Posttchi. Für das Unternehmen ist das eine wichtige Information, weil eine Trennung finanzielle Probleme auslösen kann und ein Kreditnehmer womöglich geliehenes Geld nicht zurückzahlt. Lediglich die Bezahlinformationen seien für diese Vorhersage nötig. „Was kann dann jemand herausfinden, der 24 Stunden am Tag weiß, wo Sie sind, wer Ihre Freunde sind, was Sie sich im Internet anschauen und was Sie vor fünf Jahren im Internet gemacht haben?“ Der Digitalisierungsforscher hat für sich Konsequenzen aus der Sammelwut der großen Firmen gezogen – er verzichtet auf ein Smartphone.

Ist Verzicht also der einzige Weg, der Neugierde Amazons, Facebooks und Googles zu entgehen? So weit will Justizministerin Barley nicht gehen. Stattdessen verteidigt sie das gute alte Bargeld als Alternative: sie wolle dafür sorgen, dass man auch immer die Möglichkeit hat, nicht digital zu bezahlen. „Unsere Aufgabe ist, das zu gewährleisten. Wir müssen nicht gezwungen werden, Datenspuren zu hinterlassen, wo es nicht unbedingt nötig ist“, so Barley.