Wer Ripperts Werkstatt betritt, sieht zuerst ein Tischchen, das als Kundentresen dient. Darauf liegt ein Stapel alter Tageszeitungen, obenauf die Hochglanzversion vom „Capital“ . „Zum Einwickeln der Messer und Scheren“ , erklärt der Meister. Fast entschuldigend wirkt sein Lächeln, dann dreht er das Magazin um.
Es passt auch so gar nicht in die Werkstatt. In der scheint die Zeit stillzustehen. Die drei Räume füllen Maschinen, Werkzeuge und ein Ofen aus. Dass hier gearbeitet wird, beweist eine Schicht aus Metallspänen und Öl, die Werkbänke und Maschinen bedeckt. „Die Werkstatt wird jeden Abend ausgefegt“ , betont Rippert und weist mit ölverschmierten Händen auf den Betonboden. Zuvor war er mit dem Schärfen der 70 kleinen Zähne einer Kettensäge beschäftigt. Die Holzbranche und die Nahrungsgüterwirtschaft, die Fleischer also, sind heute seine Hauptkunden, erzählt er, während er sich die Hände wäscht. Früher hat Hans-Joachim Rippert auch chirurgische Messer geschärft. „Heute werden die Klingen einmal benutzt und dann weggeworfen. Das ist billiger.“ Verstehen kann er das nicht.
Der Schönwalder ist Scherenschleifer in zweiter Generation. Sein Vater hat den Betrieb 1932 auf der jetzt polnischen Seite von Guben gegründet. Nach dem Krieg ließen sich die Ripperts in Schönwalde nieder. Hans-Joachim Rippert wollte Maurer werden, sich „höher qualifizieren“ . Doch der Vater legte fest: Der Sohn übernimmt den Betrieb. Wie er das erzählt, blickt er mit seinen hellblauen Augen nachdenklich aus dem Fenster. Nein, bereut habe er seinen beruflichen Werdegang nicht, sagt er leise und fährt sich mit der Hand durch das schüttere graue Haar. Dann sagt er lauter: „Ich kann mich an jedem gelungenen Stück erfreuen.“ Und gelingen muss alles. „Ausschuss ist verboten. Deshalb lasse ich Maschinen nicht ran und bleibe bei der Handarbeit.“

Zwölf Stunden Handarbeit täglich
Die Hände sind Ripperts Kapital. Mit ihnen schleift und poliert der Meister zwölf Stunden täglich millimeterdünne Klingen. Die Messer werden geschickt am Wasserstein entlanggeführt, der Span für Span vom Material abträgt. Sechs Vorgänge sind erforderlich, um ein Messer zu schärfen. „Formschliff, Scharfschliff, Vor- und Nachpolieren. Dann das Abziehen, um den Grat zu beseitigen und die Schneide zu stabilisieren. Zum Schluss wird das Messer entfettet“ , zählt Rippert auf. Der Hände wegen muss die Raumtemperatur in der Werkstatt auch mindestens 16 Grad Celsius betragen, „sonst nimmt das Gefühl in den Fingern ab“ , erklärt der 62-Jährige.
Automatisch laufen in Hans-Joachims Ripperts Werkstatt nur ein Sägen schärfer für Kreissägenblätter und eine Flachschleifmaschine für Hackmesser von Häckselmaschinen. „Sie helfen mir bei den Arbeiten, die auf den Zehntelmillimeter genau sein müssen“ , erklärt der Meister.

Zwei Söhne - kein Nachfolger
Hilfe hätte er auch gern irgendwann in der Werkstatt. Am liebsten den ältesten seiner beiden Söhne. Der 28-Jährige hat ebenfalls Schneidwerkzeugmechaniker gelernt, war zur Freude des Vaters bester Lehrling im brandenburgischen Landesvergleich. Hans-Joachim Rippert holt Zeugnisse mit Einsen und Zweien hervor, ein Lächeln hellt seine Gesichtszüge auf.
Doch der Sohn hat andere Pläne, studiert, lernt Spanisch. „Er ist irgendwann weg. Der Jüngere studiert Chemie. Das gab es noch nie in unserer Familie.“ Eine Mischung aus Stolz auf die Söhne und Sorge um die Zukunft des Familienbetriebes schwingt dabei in Ripperts Stimme mit. Fast rechtfertigend sagt er: „Auch wenn es egoistisch klingt, aber ich hätte gern, dass mein Ältester den Betrieb übernimmt.“ Das nähme ihm seine wohl größte Angst: „Dass nach mir jede Schraube, die ich angeschafft habe, im Schrott landet.“

Vorschau Neue RUNDSCHAU-Serie
 Wie Handwerker sich in den selteneren Zünften behaupten, welche Sorgen und Freuden sie haben und wie sich ihr Beruf verändert hat, darüber wird die RUNDSCHAU in loser Folge berichten. Nächste Woche stellen wir einen einfallsreichen Töpfer vor.