Delta-Variante des Coronavirus, Lockdown-Befürchtungen, anziehende Inflation, ein gewöhnlich trister Börsenmonat August 2021 – und doch greifen die Anleger bei Aktien weiter zu. Zu groß scheint die Furcht, den Zug zu verpassen. Mit zeitweise 16.000 Punkten am Freitagvormittag, 13. August, notiert der Deutsche Aktienindex Dax so hoch wie nie zuvor.
Es ist bereits die dritte Tausendermarke, die der Dax im Jahr 2021 knackt. Fast 17 Prozent Kursplus stehen nun zu Buche, ähnlich viel wie für den wohl bekannten Aktienindex der Welt, den Dow Jones.
Einige Investoren hätten sich in der Hoffnung auf günstigere Kaufkurse zuletzt zurückgehalten und stünden nun unter Zugzwang, sagte Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. So können Fondsmanager gegenüber ihren Kunden schnell in Erklärungsnot geraten, wenn sie nicht mit dem Markt Schritt halten.
Andere sähen den Ausbruch des Dax auf Höchststände nach der Richtungssuche der vergangenen Wochen als grundsätzlich positives Signal. Daher stockten sie ihre Aktienpositionen weiter auf.

Dax 2021: Corona-Sorgen drücken zunächst die Aktienkurse

So war der Dax zuvor seit Anfang Juni unter dem Strich nicht vom Fleck gekommen. Zu groß waren die Sorgen angesichts der rasanten Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus sowie hoher Inflationsraten. Umfangreiche Corona-Lockdowns und eine starke Teuerung könnten die globale Konjunkturerholung abwürgen, lautete die Befürchtung.
Zumindest in den USA und vielen Ländern Europas gehen die Behörden mittlerweile aber entspannter mit der Corona-Situation um. Selbst der Sommerurlaub scheint nicht in Gefahr.
Und auch die Inflation ist – zumindest derzeit – kaum noch ein Störfaktor in den Köpfen. Ihr Anstieg wird hingenommen. Dieser sei schließlich nur vorübergehend und den Verzerrungen dem Pandemiejahr 2020 geschuldet, so lautet zumindest die These der Notenbanken.
Viele Unternehmen bekommen die anziehenden Preise schon seit einer Weile zu spüren, reichen sie aber so weit möglich an ihre Kunden weiter. Insgesamt liefen die Geschäfte zuletzt denn auch gut, wie eine Analyse der Berichtssaison zum zweiten Quartal durch die US-Bank JPMorgan zeigt: „Die Umsatzentwicklung in den USA und Europa ist robust.“

Aktien-Analysten: Unternehmen kommen robust durch Coronakrise

Der Anteil von Unternehmen, die die Erwartungen übertroffen hätten, sei in beiden Regionen nach oben geschossen und habe in den USA den höchsten Stand seit einem Jahrzehnt erreicht.
Allerdings hätten die Kurse vieler Aktien nur begrenzt auf die guten Geschäftsentwicklungen reagiert, sagt JPMorgan-Experte Mislav Matejka. Zu einem ähnlichen Urteil kommt – trotz des jüngsten Dax-Rekords – der langjährige Marktbeobachter Hans Bernecker in seinem Börsenbrief „Die Actien-Börse“: „Die Superergebnisse aller Firmen werden glatt hingenommen, aber kaum honoriert.“
Bernecker warnt vor zu viel Euphorie. Das aktuelle Niveau der Aktienmärkte sei durchaus gerechtfertigt. Viel größere Sprünge erschienen kurzfristig aber eher unwahrscheinlich. „Die Märkte stellen sich frühzeitig auf das Ende der ultraleichten Geldpolitik ein, gleichgültig, wann sie beginnt“, schreibt der Aktien-Experte. Daten der Bank of America zufolge schienen gerade große Fondsmanager ihre Geldreserven eher hochzufahren und die Aktienquote in ihren Portfolios leicht zu senken.

Finanzmärkte: Notenbanken deuten straffere Geldpolitik an

Die Notenbanken, allen voran die Federal Reserve (Fed) in den USA, versuchen die Märkte mit behutsamen Worten auf eine zumindest leichte Straffung der Geldpolitik vorzubereiten, die sie zuletzt wegen der Corona-Krise nochmals gelockert hatten. Dass Samthandschuhe durchaus angebracht sind, zeigt ein Blick auf das Jahr 2018. Damals hatte Fed-Chef Jerome Powell eine Normalisierung der Geldpolitik ins Spiel gebracht. Die Börsenkurse waren daraufhin zum Jahresende hin stark gefallen.
Nach Ansicht von Fed-Kritikern wie dem Marktstrategen Albert Edwards von der französischen Bank Societe Generale befinden sich die Aktienmärkte schon lange in einer Abhängigkeit vom ultrabilligen Geld. „Die Zentralbanken sind Sklaven der von ihnen geschaffenen Blasen“, schrieb Edwards erst jüngst in seiner viel beachteten Reihe „Global Strategy Weekly“. Die Märkte – gemeint ist das Verhalten der Investoren – zwängen die Fed im Grunde, Straffungen der Geldpolitik rasch wieder zurückzunehmen.

Billiges Geld in Wertpapieren: Das sind Risiken am Aktienmarkt

So fließt - auch mangels Alternativen - seit Jahren viel billiges Geld in die Aktienmärkte. Falls steigende Zinsen den Geldfluss drosseln oder andere Anlagen wie Kontoguthaben attraktiver machen, dürften Investoren zumindest einen Teil ihrer Gelder vom Aktienmarkt abziehen. Geschieht dies in großem Umfang, können die Kurse auch stark abrutschen – mit Folgen auch für Konsum und die reale Wirtschaft.
Hans Bernecker ist da zuversichtlicher. Seiner Ansicht nach dürften sich Investoren auf eine Änderung der Geldpolitik einstellen. Daher drohe zwar ein unruhiger Herbst an der Börse – möglicherweise auch wegen wieder wachsender Sorgen infolge der Corona-Pandemie.
Bernecker rechnet aber nur mit einer „technischen Korrektur“, also lediglich mit einem durchaus deutlicheren Rückschlag, aber keiner Umkehr des langfristig positiven Trends an den Aktienmärkten.

Allzeithoch des Dax am Freitag, 13. August 2021

Der Dax hatte am Freitagvormittag, 13. August 2021, erstmals die Marke von 16.000 Punkten überschritten. Erst im März 2021 hatte der Dax die Marke von 15.000 Punkten übersprungen. Auch der MDax notierte im frühen Freitagshandel mit plus 0,1 Prozent auf 35.839,59 Punkten. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 rückte um 0,1 Prozent vor.
Der Sprung über die 16.000-Punkte-Marke stellt ein neues Allzeithoch dar. Am Freitagmorgen reagierten im Dax die Aktien des Sportartikel-Konzerns Adidas positiv auf den Verkauf der US-Marke Reebok. An der Dax-Spitze gewannen die Titel von Adidas 2,5 Prozent.

Rekordrally: So setzte der Dax zum 16.000 Punkte-Sprung an

Bereits am Mittwoch, 11. August, war der Dax, nach frischen US-Inflationszahlen auf ein Allzeithoch gesprungen und hatte während des Handelstags bis zu 15.887 Punkte erreicht, bröckelte im späten Handel aber wieder ab.
Die Anleger hätten mit Erleichterung aufgenommen, dass die US-Inflation nicht mehr steige, wenngleich sie weiterhin auf einem hohen Niveau sei, hieß es aus dem deutschen Aktienmarkt. Im Juli stagnierten die US-Verbraucherpreise zum Vormonat bei plus 5,4 Prozent, wie das Arbeitsministerium in Washington mitgeteilt hatte.
Auch am Vortag, Donnerstag, 12. August, ging die Dax-Rekordrally weiter: Als Dax-Stütze fungierten vor allem die Titel der Deutschen Telekom mit einem Anstieg um 2,8 Prozent. Eine nach dem zweiten Quartal nochmals erhöhte Jahresprognose des Konzerns kam bei den Anlegern an.

Aktienkurse am Dax-Rekordtag: Zooplus legt zu, Varta enttäuscht

Impulse für die deutschen Börsenkurse am Freitag, 13. August: Für Aufmerksamkeit sorgte am Morgen ein Übernahmeangebot für Zooplus. Die Papiere des Online-Händlers für Tierbedarf schossen um 40 Prozent hoch auf etwas über 389 Euro. Der Finanzinvestor Hellman & Friedman bietet den Zooplus-Aktionären 390 Euro je Aktie in bar.
Der Batteriehersteller Varta enttäuschte die Anleger mit seinen Zahlen zum ersten Halbjahr. Der Kurs sackte um fast neun Prozent ab, nachdem die Titel bereits am Vortag um fast sieben Prozent gefallen waren.
Der Maschinen- und Anlagenbauer Gea legte endgültige Quartalszahlen vor. Antrieb gab aber vor allem das angekündigte Aktienrückkaufprogramm. Die Aktien gewannen dreieinhalb Prozent. Papiere des Solar- und Windparkbetreibers Encavis gewannen 1,3 Prozent, die des Einkaufszentren-Investors Deutsche Euroshop 0,9 Prozent. Aktien des Bremsenherstellers Knorr-Bremse verloren 1,4 Prozent.
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