Seit mehr als zehn Jahren holt die ostdeutsche Wirtschaft, was die Produktivität und das Einkommensniveau angeht, gegenüber der westdeutschen Wirtschaft nicht mehr auf. Woran könnte das liegen?
Eigentlich ist der Aufholprozess der ostdeutschen Wirtschaft schon seit 1998, also weniger als zehn Jahre nach der Wende, ziemlich lau. Wenn man sich die Statistiken genau anschaut, dann wächst Ostdeutschland auf dem alten Wachstumspfad der guten Zeiten in der DDR, also den 50er- und 60er Jahren, weiter. Aus der Idee eines zweiten Wirtschaftswunders in Ostdeutschland ist nichts geworden.

Aber es gab doch wenigstens einen Aufschwung Ost.
Aber man muss feststellen, dass der Aufschwung Ost nichts anderes war als eine Kompensation der schlechten Honecker-Jahre. Die Grundstrukturen der Marktorientierung wurden in der ostdeutschen Wirtschaft gar nicht aufgebaut. Die neue kapitalistische Orientierung auf das Marketing und eine weitgehende Internationalisierung fehlen in weiten Teilen bis heute. Das liegt unter anderem daran, dass die Unternehmen im Osten zu kleinteilig sind und ihnen die Kapitalkraft fehlt. Wenn dann ein Unternehmen trotzdem erfolgreich war, hatten die Eigentümer oft gar kein Interesse daran, es weiterzuführen. Bestes Beispiel dafür ist das Unternehmen Novaled, das an Samsung verkauft wurde.

Aber ist es nicht durchaus eine sinnvolle Strategie gewesen, an den wirtschaftlichen Traditionen im Osten anzusetzen?
Ja, aber die wirtschaftlichen Traditionen waren ja nicht so stark vorleistungs- und produktionsorientiert, wie sich das heute darstellt. Ostdeutschland war auch ein Zentrum des Designs, denken sie an Bauhaus oder an Giebichenstein oder an Plaste und Elaste. Plastik wurde in der DDR zum Designprodukt der Arbeiterklasse. Es gab in der DDR Produkte, die auch im Westen erfolgreich verkauft wurden, beispielsweise Kugellautsprecher. Diese Marktorientierung wurde mit dem Aufbau Ost nicht fortgeführt.

Warum nicht?
Die Unternehmen, die das konnten, wurden entweder verlängerte Werkbänke des Westens, und dort hatte man schon Design- und Marketingabteilungen. Oder sie wurden soweit in verkaufsfähige Einheiten zerstückelt, dass sie in der Regel nicht systemfähig waren. Reprivatisierte Unternehmen, die aus Familientradition fortgeführt wurden, haben durchaus Erfolge, aber um zum Trendsetter zu werden, ist es ein langer Weg.

Heißt das, bei der Privatisierung der DDR-Wirtschaft ist etwas völlig falsch gelaufen?
Die Wachstumsprobleme haben viel mit der Eigentumsordnung zu tun. Gerade Industrieunternehmen wurden oft nicht restituiert. Viele Alteigentümer kamen nicht zum Zuge. Der westdeutsche Staat hat gedacht, er könnte über die Privatisierung die Kosten der Einheit stemmen. Dabei hat er vergessen, dass in einer marktwirtschaftlichen Ordnung der Unternehmer am wichtigsten ist und eben nicht der Kapitalstock. Man braucht gute Unternehmer und qualifizierte Arbeitskräfte. Das Kapital bekommt man dann überall auf der Welt.

Was könnte man tun, um einen zweiten Anlauf für einen neuen Aufholprozess der ostdeutschen Wirtschaft zu initiieren?
Das Problem ist, dass unsere heutige Wirtschaftsförderung sich meist auf ein Exportbasis-Konzept stützt. Sie brauchen den überregionalen Absatz. Der Export dient als Nachweis für die Wettbewerbsfähigkeit. Diesen klassischen Ansatz der Wirtschaftsförderung müssen wir überdenken. Die Exportidee ist vielleicht nicht zielführend.

Was schlagen Sie stattdessen vor?
Ich bin für einen Ansatz, der stärker den Input betrachtet. Schauen sie sich in der Welt um. Viele Konflikte und Änderungen in der Wirtschaftsstruktur haben geostrategisch gesehen eher mit der Inputseite zu tun. Es geht um Sicherung von Rohstoffen, um Versorgungswege und die Sicherung von Technologien. Das ist viel wichtiger als die Absatzseite. Wenn sie ein bestimmtes Material, zum Beispiel seltene Erden, nicht mehr bekommen, haben ganze Industriezweige ein Problem.

Und was wäre daraus die Konsequenz für die Wirtschaftsförderung?
Wir brauchen in Ostdeutschland eine konzentrierte Technologieförderung, die die Wettbewerbsfähigkeit auf der Inputseite gewährleistet. Es geht um neue Materialien, Ersatzstoffe für knappe und teure Rohstoffe und auch um neue Produktionsverfahren, die zu Alleinstellungsmerkmalen führen.

Können Sie das am Beispiel einer Branche erläutern?
Nehmen wir die Braunkohle. Wir müssen uns heute fragen, was ist die zukünftige Basis für unsere Kohlenstoffwirtschaft. Braunkohle kann dafür ein wichtiger Rohstoff sein, wir müssen ihn nicht zur Stromerzeugung verbrennen, sondern wir könnten eine leistungsfähige Chemieindustrie mit der Braunkohle als Rohstofflieferant aufbauen. Das könnte auch den ostdeutschen Braunkohleregionen eine ganz neue Perspektive geben.

Mit Ulrich Blum

sprach Christoph Ulrich

Zum Thema:
Der Professor für Volkswirtschaftslehre (Jahrgang 1953) ist Inhaber des Lehrstuhls Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung an der Universität Halle-Wittenberg. Zugleich ist er Gastprofessor an der University of International Business and Economics in Peking und Exzellenzprofessor der Volksrepublik China. Von 2004 bis 2011 war Blum Präsident des Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Im Jahre 2012 wurde er in die Europäische Akademie der Wissenschaften aufgenommen. cul