Die private Versicherungswirtschaft wäre der große Nutznießer des Systemwechsels weg vom Umlageverfahren. Neben der Allianz zum Beispiel die Ergo-Versicherungsgruppe. Sie ist mit über 16 Milliarden Euro Beitragsaufkommen und 15 Millionen Kunden die Nummer zwei im deutschen Erstversicherungsmarkt. Unter ihrem Dach sind die Victoria, die Hamburg-Mannheimer, Deutsche Krankenversicherung (DKV), die DAS und die KarstadtQuelle Versicherungen vereint, Hauptaktionär ist die Münchner Rückversicherung. Laut Eigenwerbung ist Ergo „in den Zukunftsmärkten der Lebens- und der Krankenversicherung hervorragend positioniert“ und „ein Schwergewicht im dynamischen Markt der betrieblichen Altersversorgung“ . Den Konzerngewinn hat Ergo 2005 auf 782 Millionen Euro verdreifacht.

Sitzungsgeld von 1500 Euro
Professor Bernd Raffelhüschen ist Mitglied des Aufsichtsrates der Ergo-Versicherungsgruppe. Die 20 Mitglieder treffen sich fünfmal im Jahr. Der Geschäftsbericht weist für 2005 Aufwendungen von 700 000 Euro für das Kontrollgremium aus. Ein einzelner Aufsichtsrat bekam nach Auskunft von Ergo im letzten Jahr 10 000 Euro fixe und zusätzlich 27 000 Euro variable Vergütung, die vom Unternehmensgewinn abhängig ist. Pro Termin wird ein Sitzungsgeld von 1500 Euro gezahlt. Zusammen macht das 44 500 Euro ohne zusätzliches Entgelt für Kommissionstätigkeiten. Professor Raffelhüschen gehört keiner Kommission an. Im laufenden Geschäftsjahr soll das fixe Salär auf 27 000 Euro erhöht, das variable auf 16 000 Euro gesenkt werden.
Warum die Ergo neben Managern von Versicherungen und Industrieunternehmen auch Professoren wie Beatrice Weder di Mauro, Mitglied des Sachverständigenrats und Bernd Raffelhüschen im Aufsichtsrat hat, erklärt Ergo-Pressesprecher Alexander Becker mit „Interesse an Vielfalt an Meinungen“ . Und mit wissenschaftlicher Beratung. Das tut Raffelhüschen auch mit Auftragsarbeiten für das Unternehmen. Für die Victoria-Versicherung hat er eine Untersuchung über die betriebliche Altersversorgung „wissenschaftlich begleitet“ , so Becker. Bei der Vorstellung im März erklärte Raffelhüschen, die Studie solle „wichtige Impulse für unabdingbare weitere Entwicklungen geben“ .
Professor Raffelhüschen ist außerdem Aufsichtsrat der Volksbank Freiburg, wissenschaftlicher Berater des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) und hält, wie auch Professor Bernd Rürup, Vorträge für den Finanzdienstleister MLP. „Er vertritt Interessen und es ist klar, dass er damit nicht mehr frei ist in seinem Urteil“ , findet Albrecht Müller. Der Ökonom war Leiter der Planungsabteilung bei den SPD-Bundeskanzlern Brandt und Schmidt. Der frühere Bundestagsabgeordnete kritisiert das „weit gespannte Netz von Lobbyisten“ und geißelt sie in seinem jüngsten Buch „Machtwahn“ als „eine Form von politischer Korruption“ . Es werde „systematisch das Vertrauen in die gesetzliche Rente untergraben, um der privaten Versicherungswirtschaft zu riesigen Gewinnen zu verhelfen“ .

Gespräch abgelehnt
Der viel beschäftigte Professor Raffelhüschen - er ist unter anderem „Botschafter“ der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ , die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall mit 8,8 Millionen Euro jährlich ausgestattet wird - will zu seinen Nebentätigkeiten nicht Stellung nehmen. Ein Gespräch darüber lehnte er ab, in den Fernsehsendungen „Monitor“ und „Berlin-Mitte“ hat er ebenfalls die Auskunft verweigert. In einem Interview der Badischen Zeitung vom 8. Juni letzten Jahres hatte er noch erklärt: „Meine Nebenjobs sind inhaltlich deckungsgleich mit meinem Hauptjob. Sie haben nichts mit irgendwelchen Unternehmen zu tun, sondern mit gemeinnützigen Organisationen.“ In den Aufsichtsrat von Ergo wurde Raffelhüschen aber bereits am 12. April 2005 gewählt.