ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:03 Uhr

Das Vermögen aus dem Reißwolf

Ein Berg bunter Papierschnipsel ist alles, was die alte Dame aus Süddeutschland ihrer Tochter als Erbe hinterlassen hat. Geldscheine im Wert von mehr als 120 000 Euro schickte die Rentnerin durch den Aktenvernichter. Von Marion Trimborn

"Die Frau fühlte sich vernachlässigt und gönnte ihrer Tochter das Erbe nicht", sagt Edgar Kornübe von der Deutschen Bundesbank. Pech für die rachsüchtige Frau: Ihre Tochter reichte die Schnipsel bei der Bundesbank ein - und deren Mitarbeiter konnten die Scheine wieder zusammenfügen.
Das Service-Centrum "Beschädigtes Bargeld" der Bundesbank in Mainz ist die einzige Stelle in Deutschland, die zerfressene, verbrannte und vermoderte Geldscheine wieder rekonstruiert. Für den Bürger ist der Service kostenlos. Hier kommen Geldscheine und Münzen auf den Tisch, die nicht mehr ohne weiteres als solche zu erkennen sind. Ein riesiger schwarzer Ascheklumpen beispielsweise, der beim leisesten Luftzug zerfallen würde, entpuppt sich unter den Händen der Bundesbanker als Geldberg im Wert von knapp 10 000 Euro aus einem Wohnungsbrand.

Mit Mikroskop und Pinzette
Mit Mikroskop und Pinzette bewaffnet machen sich die 15 Gelddetektive an die Arbeit. Sie legen Schicht für Schicht verbrannte Scheine frei, durchwühlen Asche nach Anhaltspunkten und puzzeln zerrissene Geldscheine aneinander. Bereits ein Quadratmillimeter genügt, um den Wert einer Note zu erkennen. "Zahlen, Blindenelemente, Silberfäden oder Hologramme geben eindeutige Hinweise", sagt Bundesbank-Mitarbeiter Horst Schubert.
Für den Ersatz des Geldes gilt die Alles oder Nichts-Regel: Die Notenbanken in Europa ersetzen Euro-Noten in voller Höhe, wenn der Kunde mehr als 50 Prozent der Banknote vorlegt - oder wenn er weniger als die Hälfte des Scheins hat und den Nachweis erbringt, dass der Rest vernichtet wurde. Das regelt ein Beschluss der Europäischen Zentralbank vom März 2003. "Diese Regelung verhindert, dass jemand einen beschädigten Schein zweimal vorlegt", erklärt der Leiter des Servicezentrums Kornübe.
Die Chancen auf Ersatz stehen gut. 2004 erstattete die Bundesbank Scheine im Wert von 12,6 Millionen Euro, darunter 2,6 Millionen D-Mark in der alten Währung. Fast 18 900 Anträge bearbeitete die Bank - und lehnte lediglich 1390 Fälle ab. Schlechte Karten hatte ein Mann aus Buxtehude, der behauptete, er habe Geldscheine für 200 Euro im Backofen verkohlt. Die Gelddetektive fanden stattdessen 28 Scheine im Wert von 14 500 D-Mark. "Da hatten wir echte Zweifel, ob das Geld diesem Mann gehört. Wir schalteten die Polizei ein", sagt Kor-nübe.
Kein Glück hatte auch eine Familie aus dem Kosovo, die angeblich 200 000 Mark im Rollladenkasten bei Freunden in Mannheim versteckte. In dem Geheimfach nisteten sich Wespen ein und ließen von dem Geld nur noch ein Wespennest mit Farbspuren der braunen 1000-Mark-Scheine übrig. Da die Druckfarbe nicht nur in Geldscheinen vorkommt, reichte dies den Detektiven nicht als Beweis. Die Familie klagte gegen diese Entscheidung und verlor.
Eine spezielle Ausbildung für die Detektivarbeit gibt es nicht. Viel Geduld und eine ruhige Hand sind gefragt - und ein dickes Fell: "Wenn das Geld bei Wasserleichen gelegen hat, dann ist das wirklich unappetitlich, aber man gewöhnt sich an den Gestank", sagt der gelernte Metallfacharbeiter Schubert. Dann zieht er Handschuhe an und arbeitet unter der Abzugshaube. "Wir hatten schon Geld aus der abgestürzten Concorde und aus dem World Trade Center", sagt Damian Machura. "Nach der Flutwelle in Asien wird jetzt wieder einiges zu uns kommen", glaubt er.

Vergrabenes Lösegeld
Aus einer Straftat stammte auch der bislang größte Auftrag: Die Oetker-Millionen. 12 558 Tausendmarkscheine tauchten 1997 überraschend aus dem jahrelang vergrabenen Lösegeld der Oetker-Erpressung auf. Feuchtigkeit und Insektenfraß hatten die Scheine entstellt. Die Bundesbank ersetzte der Oetker-Familie knapp 13 Millionen Mark.
Seit Weihnachten herrscht in Mainz Hochbetrieb: Dann brennen Christbäume samt Geschenken, werden Geldumschläge aus Versehen zerrissen oder im Kamin versteckte Spargelder verfeuert. "Die Bürger sollten große Summen lieber aufs Konto einzahlen", empfiehlt Kornübe.