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| 18:47 Uhr

Verkehr
Das Leben in vollen Zügen genießen

Jeder kann online für mehrere Züge Sitzplätze reservieren, ohne dafür eine Fahrschein zu benötigen. Dann sind Züge oft scheinbar überbucht.
Jeder kann online für mehrere Züge Sitzplätze reservieren, ohne dafür eine Fahrschein zu benötigen. Dann sind Züge oft scheinbar überbucht. FOTO: dpa / Julian Stratenschulte
Berlin. Das System der Sitzplatzreservierung bei der Bahn kann zu scheinbaren Überbuchungen führen, besonders auf den ICE-Strecken. Von Werner Kolhoff

Eine Frau aus Niedersachsen wollte kürzlich am Treffen ihrer ehemaligen Abiklasse in Berlin teilnehmen, verzichtete dann aber auf die Reise. Sie konnte online keinen Sitzplatz mehr reservieren. Alles ausgebucht, hieß es auf „bahn.de“. Sie hätte es trotzdem wagen sollen. Denn bei der Bahn gibt es ein Problem mit  scheinbaren Überbuchungen.

Die Ursache: Jeder kann online für mehrere Züge Sitzplätze reservieren, ohne dafür eine Fahrschein zu benötigen. Das kostet pro Platz 4,50 Euro in der zweiten und 5,90 Euro in der ersten Klasse. Das Angebot zielt auf Geschäftsleute, die mit einem Flexticket ohne feste Zugbindung reisen, weil sie nicht genau wissen, wann sie fahren. Sie buchen gleichzeitig Plätze in drei, vier oder mehr Zügen. Solange der Vorrat reicht. Die Kosten dafür sind überschaubar. Dafür sitzt man dann ganz sicher. Es ist, als ob man im Urlaub an jeder Poolseite Liegen mit dem Handtuch blockieren würde, je nach Sonnenstand, weil man nicht weiß, wann man kommt. Wie viele Kunden von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, konnte die Bahn auf RUNDSCHAU-Nachfrage  nicht sagen.

Betroffen sind besonders die stark frequentierten ICE-Strecken. Beim AfD-Parteitag in Augsburg Ende Mai waren praktisch alle Züge von und nach Berlin ausgebucht, und zwar am ganzen Wochenende. In Wirklichkeit gab es noch viele Plätze. Der Fahrgastverband „Pro Bahn“ hat beobachtet, dass zunehmend auch Privatleute zu dem Verfahren übergehen, vor allem Ältere, die in keinem Fall stehen wollen. Zum Beispiel reservieren sie Plätze für verschiedene Anschlusszüge, für den Fall, dass der reguläre wegen Verspätung nicht erreicht wird.

Verschärft wird das Problem durch weitere Fehlreservierungen. So können sich Dauerpendler einen Stammplatz sichern. Das kostet nur einen Euro je Fahrt und kann für 46 Fahrten erworben werden. Auch für mehrere Verbindungen. Zudem gibt es natürlich immer eine bestimmte Ausfallquote, weil Fahrgäste ihre Fahrt doch nicht antreten können. Bis 15 Minuten nach Abfahrt bleibt jeder reservierte Platz frei.

Der Fahrgastverband rät deshalb, es trotz scheinbar ausgebuchter Zügen zu probieren. Ein Platz finde sich fast immer. „Allerdings nicht Freitag- und Sonntagnachmittag auf stark frequentierten Strecken“, so Verbandsexperte Andreas Frank. Zur Not muss man stehen, das ist, anders als beim TGV in Frankreich, in Deutschland erlaubt. Allerdings können Fahrgäste im Überfüllungsfall herauskomplimentiert werden. Frank: „Das ist das Risiko“.

Bei (scheinbar) überfüllten Zügen kann man online auch keine Tickets mehr kaufen. Doch wer sich auskennt, klickt für Flextickets, die den ganzen Tag gelten, dann einfach eine andere Verbindung an. Unter der Rubrik „service community“ gibt das Unternehmen im Internet selbst weitere Tipps, wie man es austricksen kann. Am Schalter könne man immer eine Karte für jeden Zug erwerben, auch für ausgebuchte, heißt es da. Und an Bord sowieso, allerdings mit  12,50 Euro Zuschlag. Sänk ju, Deutsche Bahn.