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| 19:24 Uhr

Cottbuser Rucksack für Lokomotiven

Cottbus. Im Cottbuser Ausbesserungswerk der Bahn (ehemals RAW) wird zurzeit eine Weltneuheit getestet – die erste Rangierfunk-Fernsteuerung für die im Werk gewarteten Traxx-Lokomotiven. Damit können sowohl Diesel-, als auch Elektro-Loks nachgerüstet werden. 1400 dieser Lokomotiven von Bombardier sind bereits im Einsatz. Cottbus ist als alleiniger Standort für die Nachrüstung ausgewählt. Von Christian Taubert

Der Lokführer ist mit seinem Zug am Hafen in Rostock-Warnemünde angekommen. Von Berlin aus hat sich per Pkw ein angeforderter Rangiermeister auf den Weg an die Ostsee gemacht, um dem Mann in der Lok beim Entladen, bei Bremskontrollen und dem Zusammenstellen eines neuen Zuges zu helfen. Unzählige Rangierkommandos werden erteilt, bis das Signal für den neuen Zug auf Grün steht.

Was zurzeit im Cottbuser Ausbesserungswerk getestet wird, gleicht einem Rangierbetrieb mit einer Streckenlok, die wie von Geisterhand gesteuert wird. Der Lokführer schließt die Tür hinter sich zu. Er hängt sich den Tragegurt eines Mini-Schaltpultes mit Hebeln und Knöpfen um den Hals. Und los geht es: Er führt jetzt dieselben Arbeiten aus, die bisher vom Wagenmeister gehandhabt wurden und steuert gleichzeitig die Lok aus der Ferne. Dafür muss der Lokführer vom jeweiligen Zugbetreiber geschult werden. Die zurzeit in Cottbus getestete Rangierfunk-Fernsteuerung in Streckenloks des Herstellers Bombardier ist eine kleine Sensation auf dem Markt. Vor allem deshalb, weil die Lösung Umrüstungskosten pro Lok in Millionenhöhe spart.

Der Wunsch nach einer externen, auch auf alte Lokomotiven nachrüstbaren Fernsteuerung zum Rangieren kam 2009 von der Havelländischen Eisenbahn. "Eine solche Technik in eine Lok einzubauen und dabei an die Software heranzugehen, ist mit Kosten von rund drei Millionen Euro verbunden", erläutert Bombardier-Projektleiter Erhard Peter. Eine neue Lokomotive ist auf dem Markt für etwa drei bis vier Millionen Euro zu haben. "Wir brauchten also eine Rucksack-Lösung, die auf dem neuesten Stand der Sicherheitstechnik und für nahezu alle Lokomotiven einsetzbar sein musste." Mit dem Werk Cottbus und der hier ansässigen DB-Systemtechnik hat Bombardier Partner gefunden, die für die Idee zu begeistern waren.

Innerhalb von 24 Monaten ist dann unter dem wachen Auge des Gutachters Norbert Schäfer von der Eisenbahn-Prüfstelle Aebt in Nürnberg eine Lösung entwickelt worden, die es so noch nicht gibt. Nach Schäfers Einschätzung wird hier eine Sicherheitsphilosophie umgesetzt, die rechtfertigt zu sagen: "Das ist eine Weltneuheit." Um die Rangierfunk-Fernsteuerung - ein gut zwei mal zwei mal zwei Meter großes Hightech-Element in der Lok - auf Herz und Nieren zu prüfen, wird Schäfer die Reaktion auf alle möglichen kritischen Situationen testen. Danach gehen sein Gutachten und eine Reihe weiterer Unterlagen an das Eisenbahn-Bundesamt. Etwa im Februar/März 2012 rechnet Bombardier mit der Zulassung. "Mit dieser Technik werden werthaltige Lokomotiven für die Zukunft geschaffen", schätzt Schäfer ein.

In der Folge eröffnen sich für das Cottbuser Traditionsunternehmen neue Horizonte. Denn die Rangierfunk-Fernsteuerung wird künftig nur in der Lausitz eingebaut. Werkleiter Klaus Rendler führt diese Zusage von Bombardier darauf zurück, dass "die Zusammenarbeit bestens geklappt hat und wir jetzt über das Know-how für den Cottbuser Rucksack verfügen". Bombardier-Projektleiter Erhard Peter ergänzt, dass zurzeit 1400 Traxx-Lokomotiven im Einsatz sind und mögliche Kandidaten für Nachrüstungen darstellen. "Grundsätzlich kann die neue Technik in alle Loks eingebaut werden", sagt Peter. Doch das sei Sache der Unternehmen.

In den Prototyp einer umgebauten Traxx-Lok steigt am Mittwoch auch der Cottbuser Fritz Kleitz. Der Fahrzeugtechnik-Ingenieur hat mit 16 Jahren im RAW gelernt und ist jetzt in Rente gegangen. Die Entwicklung der Rangierfunk-Fernsteuerung für diese Strecken-Loks war sein letztes Projekt. "Schöner kann der Abschluss des Arbeitslebens nicht sein", freut er sich mit dem Entwicklerteam und hofft auf eine zügige Zulassung. Denn das würde seinem "RAW" neue Aufträge sichern.

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Steckbrief Werk CottbusInnerhalb der DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH besitzt das Werk Cottbus (ehemals RAW) mit rund 700 Beschäftigten die Kernkompetenz im Bereich Instandhaltung und Revision von Diesellokomotiven. Spätestens alle sechs bis acht Jahre erhalten Dieselloks ihre technische Überwachung. In diesem Jahr ist die Durchsicht von 270 Loks vorgesehen, wobei für die Instandhaltung einer Lok bis zu 5500 Stunden erforderlich sein können. Zugleich werden im Werk Cottbus Umbau-, Modernisierungs- und Sonderarbeiten an Lokomotiven anderer Verkehrsunternehmen vorgenommen. Neu sind seit 2011 Arbeiten an der Elektrolok der Baureihe 155. Als zukunftsträchtiges Aufgabenfeld gelten verstärkte Wirtschaftsbeziehungen zu osteuropäischen Ländern.