Matthias Galle nimmt es olympisch. „Dabei sein ist alles“, sagt der 20-jährige Maurergeselle. Dennoch verhehlt er nicht, dass er auch den Titel nehmen würde. Bis dahin sind es aber noch ein paar Etappen. „Drei Wochen üben“ hat er sich verordnet. Das heißt konkret: „Jeden Tag eine Wand mauern.“ Aussehen und Genauigkeit müssten optimal stimmen. Zudem will er ein bisschen an seinem Tempo arbeiten. Um den Schwierigkeitsgrad zu steigern, wird auch mal ein Bogen eingezogen. Dass das für manch einen langweilig klingt, lässt ihn kalt. „Mir macht das immer noch richtig Spaߓ, sagt er selbstbewusst und gut gelaunt.
Ernst wird es für Matthias Galle im März. Als einer der Besten des Bundeswettbewerbs 2001 hat er sich gemeinsam mit einem weiteren Jung-Maurer aus seinem Jahrgang und zwei Kollegen aus dem 2002er Wettbewerb für den nationalen Vorausscheid qualifiziert. Diese vier machen unter sich aus, wer im Sommer für Deutschland zur Maurer-WM nach Sankt Gallen fährt.
Der Cottbuser Meister-Maurer freut sich, dass er so weit gekommen ist. Immerhin hat er zuvor auf Kammer-, Landes- und Bundesebene unzählige Mitstreiter hinter sich lassen können. Dass das gelang, hat sicher viele Gründe. Ein nicht unwichtiger: die Ausbildung, die er im für Brandenburg einmaligen Modellprojekt der Berufsausbildung mit Fachabitur in Cottbus genossen hat.
Das Handwerk habe er zwar im Lehrbetrieb seines Vaters erlernt, sagt der 20-Jährige. Die Doppel-Qualifikation führte aber „auf jeden Fall zu einem ganz anderen Lernen und zu einer viel besseren Motivation“.
Fritz-Rudolf Holaschke, Leiter des Oberstufenzentrums eins (OSZ 1) in Cottbus, hört das gern. Er hat das Modellprojekt zusammen mit den Bauhandwerkern 1998 aus der Taufe gehoben. Mittlerweile ist es aus dem Modell-Stadium herausgewachsen und eine feste und bis in Bundeseinrichtungen hinein anerkannte Institution.
Die angehenden „Doppelmaurer“ erwerben in den drei Jahren dieser zweigleisigen Ausbildung neben ihrer beruflichen Qualifikation die Fachhochschulreife, erläutert der Schulleiter. Dem Jugendlichen eröffne sich damit „die zusätzliche Perspektive eines Fachhochschulstudiums“. Die Erfahrungen aus den ersten beiden Jahrgängen zeigen, dass davon rege Gebrauch gemacht wird. Holaschke: „Etwa die Hälfte der Absolventen studiert.“
Der Vorteil für die jungen Leute liegt auf der Hand. Von den Betrieben werde dagegen so manches Zugeständnis abverlangt, weiß Rüdiger Galle, lokaler Bauunternehmer und Vater von Matthias. Acht Wochen seien die Teilnehmer der Modellausbildung länger in der Schule als herkömmliche Maurer-Lehrlinge. Wer zudem ausbildet, um im Anschluss einen tüchtigen Gesellen zu haben, laufe Gefahr, dass sich dieser erst noch für drei, vier Jahre Richtung Hochschule verabschiedet. Dennoch sei der Branche klar: Die erweiterten Chancen des Jugendlichen können gleichzeitig zu Chancen für das Unternehmen werden. Daher sei die Grundeinstellung der Branche zu der anspruchsvollen Ausbildungsvariante „insgesamt positiv“.
Bedauerlich ist nach Ansicht Holaschkes eher, dass die Ausbildungsbereitschaft „aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Probleme“ grundsätzlich abnimmt. Eine Schulklasse konnte er dennoch jedes Jahr füllen. Geholfen habe dabei, dass geförderte Jugendliche aus dem kooperativen Modell in der Doppel-Qualifikation aufgenommen werden. Außerdem besitze das Cottbuser Projekt heute den Status einer Landesfachklasse. Damit stehe die besondere Ausbildung in der Lausitz auch Unternehmen aus Potsdam oder Frankfurt (Oder) offen.
Matthias Galle schöpft nach seiner Doppel-Ausbildung jedenfalls aus dem Vollen der erworbenen Möglichkeiten. Sein spezielles Maurer-Training kann richtig erst in ein paar Tagen beginnen. Vorrang haben zurzeit die Prüfungen in seinem Bauingenieurs-Studium an der Fachhochschule Lausitz.