Wenn nicht gerade eine Havarie, wie erst vor wenigen Tagen um Weißwasser, das Stromnetz in einer ganzen Region lahmlegt, bleibt die stabile Versorgung von den meisten Menschen auch in der Lausitz eine eher unbemerkte Selbstverständlichkeit. Allerdings sind in der Energieregion überdurchschnittlich viele Fachleute damit beschäftigt in einer auch für Energieversorger ungewöhnlichen Zeit, das Netz stabil zu halten.

Tatsache ist, dass es seit Anfang des Jahres witterungsbedingt ein anhaltend hohes Aufkommen an erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung gibt. Zuerst waren es vor allem Windkraftanlagen, die überdurchschnittlich viel Strom lieferten. Inzwischen ist es besonders um die Mittags- und frühen Nachmittagsstunden die Sonnenenergie, die die Stromnetze „füllt“.

Zurzeit wird weniger Lausitzer Kohle gebraucht

Gleichzeitig ist der Stromverbrauch in Deutschland derzeit rückläufig, weil aufgrund der Coronakrise die Produktion bei Industrie und Gewerbe wie auch der Handel weitgehend ruhen. Das Lausitzer Energieunternehmen Leag spricht aktuell von einem Rückgang des Stromverbrauchs im Land um rund zehn Prozent.

Die gegenläufigen Entwicklungen – viel erneuerbare Energie und geringerer Stromverbrauch – setzen die Leag massiv unter Druck. Die Situation sorgt nicht nur für massive Rückgänge bei der Stromerzeugung und dem Verkauf von Kohleveredlungsprodukten, sondern stellt auch enorme Anforderungen an die flexible Fahrweise der Leag-Kraftwerke.

Einzelne Kraftwerksblöcke müssten mehrfach in der Woche und zum Teil sogar innerhalb eines Tages auf ihr Leistungsminimum heruntergefahren werden. „Teilweise ist es sogar erforderlich, einzelne Blöcke zeitweise ganz außer Betrieb zu nehmen und für das Wiederanfahren bereit zu halten“, sagt der Leag-Kraftwerksvorstand Hubertus Altmann. Gleichzeitig aber werde die Netzstabilität gewährleistet, „unabhängig, ob die Sonne scheint oder der Wind weht“, versichert Altmann. „Wir müssen unsere regionalen Kunden auch weiter bedarfsgerecht mit Wärme versorgen.“

Leag-Kraftwerksvorstand Hubertus Altmann.
Leag-Kraftwerksvorstand Hubertus Altmann.
© Foto: Frank Hammerschmidt

Die derzeitige Situation aber bleibt nicht folgenlos. Als Konsequenz aus dem Rückgang des Rohbraunkohlebedarfs wird derzeit bei der Leag über eine Anpassung des Schichtsystems in den Lausitzer Tagebauen intensiv nachgedacht.

Regionalnetzbetreiber enviaM arbeitet auch im Krisenmodus

Im Krisenmodus arbeiten auch der Regionalnetzbetreiber enviaM mit seiner Stromtochter Mitnetz-Strom in Sachsen. Der ist zuständig für die Versorgung großer Teile Thüringens, Sachsens, Sachsen-Anhalts und auch Südbrandenburgs. EnviaM hat in Folge der Corona-Pandemie beispielsweise inzwischen drei unabhängig voneinander arbeitende Leitstellen für die Netzsteuerung eingerichtet, bestätigt envia-Vorstand Stephan Lowis.

Stephan Lowis ist Vorstandschef von enviaM.

Stephan Lowis, Vorstandschef der EnviaM.
Stephan Lowis ist Vorstandschef von enviaM. Stephan Lowis, Vorstandschef der EnviaM.
© Foto: Michael Setzpfandt

Ähnlich wie das Leitstellenpersonal in Lausitzer Großkraftwerken könnte die Arbeit weitergehen, auch wenn an einem der Standorte ein Corona-Infektionsfall auftreten sollte. Denn wie die Kollegen der Leag könnten die Energieingenieure von enviaM in ihrer Leitwarte mehrere Tage abgeschottet weiter arbeiten. „Falls notwendig, schließen wir auch eine zeitlich befristete vollständige Isolation von Mitarbeitern aus geschäftskritischen Bereichen von der Außenwelt nicht aus, um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten“, heißt es von enviaM.

Einrichten musste sich der Regionalversorger auch auf heftige Ausschläge bei den Strompreisen. Der Strom wird nämlich nicht tagesaktuell, sondern langfristig gestreckt, Monate im Voraus von den Versorgern gekauft. Auf diese Weise kommt ein Mischpreis zustande, der letztlich die Preisbildung für die Endkunden beeinflusst.

Datennetze sind unter ständiger Beobachtung

Mächtig Betrieb ist in Homeoffice- und Corona-Zeiten im Netz der Kommunikationstochter enviaTel. Die Gesamtlast der Verbindungen, die für den Transport von Daten- und Sprachdiensten (Telefonie) der Kunden geschaltet ist, liege um 30 bis 40 Prozent höher als bisher üblich, teilt das Unternehmen mit. Engpässe und Verlangsamungen könnten nicht völlig ausgeschlossen werden. Sie würden aber durch eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung im envia-Netzwerk-Überwachungszentrum sofort erkannt und bearbeitet. Dabei arbeitet der Regionalversorger direkt mit einer Corona-Taskforce der Bundesnetzagentur und des Bundeswirtschaftsministeriums zusammen.

Starke Preisschwankungen an der Strombörse


Seit Mitte März war aufgrund der Corona-Krise eine deutliche Abwärtsbewegung bei den Strompreise für Lieferungen im zweiten, dritten und vierten Quartal des Jahres 2020 als auch für das Folgejahr 2021. So fiel der Strompreis von Anfang bis Mitte März am deutlichsten für das 2. Quartal (-35%) und das 3. Quartal (-23%). Für das 4. Quartal und das Kalenderjahr 2021 gab der Strompreis um etwas mehr als 15% nach.

Seit Anfang April hat sich der Strompreis an den Terminmärkten wieder erholt. Für das 4. Quartal und das Folgejahr 2021 bewegt sich der Strompreis mittlerweile nur noch knapp unterhalb des Strompreises von Anfang März.