Die Dynea Erkner GmbH, die bis 2009 auch in Spreetal bei Spremberg eine Anlage betrieb, setzt heute diese Tradition fort. Rund 70 000 Tonnen Phenolharze in flüssiger und fester Form sowie Dispersionsleime verlassen in diesem Jahr das zum finnischen Dynea-Konzern gehörende Werk. Sie gehen an mehr als 200 industrielle Abnehmer.

Die Phenolharze und Leime verleihen anderen Stoffen ihren Zusammenhalt. Sie bilden den Ausgangspunkt für die Herstellung der verschiedensten Duroplasten sowie das Verkleben von Holzträgern, Spanplatten, Fenstern, Türen und Laminaten, aber auch für Brems- und Kupplungsbeläge, Autotür-Innenverkleidungen und Faservliese, Isolier-, Schaum- oder Dämmstoffe. Ihre Einsatzpalette ist schier unermesslich. Sogar die Trabant-Karosserie basierte auf dem Einsatz von Harzen.

Die älteren Lausitzer werden sich noch an den Markennamen Bakelit erinnern. Bis in die 50er-Jahre wurde er im Alltag fast wie ein Synonym für den Begriff Kunststoff gebraucht. Ob Lichtschalter, Telefone, Radiogehäuse, Haushaltsgeräte - der Duroplast verdrängte Werkstoffe wie Holz und Metall.

Es war der Belgier Leo Hendrik Baekeland (1863 - 1944), der in den USA die verfahrenstechnischen Voraussetzungen für die industrielle Herstellung von Bakelit auf Phenolharzbasis schuf. Eine Realisierungsmöglichkeit für seine Erfindung fand er vor dem Ersten Weltkrieg aber nur in Erkner bei Berlin. Die hier ansässigen Rüttgers-Werke suchten eine Verwendungsmöglichkeit für das bei ihrer Steinkohlenteerdestillation anfallende Phenol. 1944 wurden sowohl die Rüttgers-Werke als auch die Bakelite bei Luftangriffen zerstört.

Nach 1945 verlegten die Eigner die Firmensitze nach Westdeutschland. Die DDR baute die Phenolharzfabrik als VEB Plasta wieder auf, heute gehört der Betrieb zum finnischen Konzern Dynea Chemical Oy, der weltweit über 50 Standorte in 24 Ländern verfügt.

Große Nachfrage

Die Nähe zu den Kunden hat nicht nur verkaufstechnische Gründe. "Sie können Flüssigharze nicht wochenlang mit dem Schiff auf die Reise schicken, denn die chemische Reaktion in ihnen läuft weiter, das Material wird fest", erläutert Anja Plugge, Geschäftsführerin der Dynea Erkner GmbH. Vor allem für Produkte, die aus Brandschutzgründen feuerfest sein müssen, ist die Nachfrage nach Phenolharzen groß. Das gilt für Flugzeuginterieur ebenso wie für das Gestühl in Straßenbahnen, für feuerfeste Kunststoffe oder Vliese. Die Harze sind nicht brennbar, verglimmen allenfalls.

Das brandenburgische Werk mit seinen 120 Beschäftigten ist der größte Dynea-Standort in Europa sowie zugleich der größte industrielle Arbeitgeber in Erkner. Laut Plugge wächst der Umsatz 2012 um fünf Millionen auf 70 Millionen Euro. Erreicht worden sei dies auf einem hart umkämpften Verdrängungsmarkt mit vielen Wettbewerbern. Drei Millionen Euro investiert der Betrieb allein im laufenden Jahr, wobei im Mittelpunkt weiterreichende Automatisierungslösungen stehen. Sie basieren auf einem neuen Produktionsleitsystem (Software), mit dem sich Produktivität und Qualität gleichermaßen steigern lassen.

Qualität, das bedeutet bei Harzen und Leimen vor allem hundertprozentiges Einhalten der Parameter der kundenspezifischen Rezepturen, von denen es mehr als 200 gibt. Da die Harze als Kleber bei der Herstellung den verschiedensten Kunststoffen, Vliesen und anderen Produkten beigemischt werden, müssen sie auf den Maschinen der Anwender optimal "laufen", wie Plugge berichtet.

Dafür arbeitet in Erkner eine eigene Entwicklungsabteilung, die auch in der Zusammenarbeit mit Kunden neue Rezepturen kreiert. "Wir haben den großen Vorteil, dass wir für diesen Zweck zwei kleine Reaktoren als Pilotanlagen besitzen", sagt die Geschäftsführerin. Phenolharze entstehen bei der chemischen Reaktion (Polykondensation) von Formalin (Formaldehyd) und Phenol. Da in Erkner seit Langem kein Betrieb mehr existiert, bei dem Phenol anfällt, muss dieser Ausgangsstoff von verschiedenen Anbietern bezogen werden.

Lausitzer Kapitel beendet

Das gilt heute auch für Formalin. Bis 2009 wurde es von Dynea selbst produziert - in der Lausitz. Aber die Anlage in Spreetal, Industriepark Schwarze Pumpe, wurde demontiert und ist zurzeit in Erkner eingelagert. Plugge nennt zwei Gründe dafür. Erstens entsteht bei der Formalin-Produktion als Abfallprodukt in großen Mengen Dampf. Es gibt aber heute auf dem Areal keinen Abnehmer mehr dafür, was die Herstellung unwirtschaftlich macht.

Zweitens kann seit der Stilllegung und Demontage der Sustec-Anlagen kein Methanol mehr aus Schwarze Pumpe bezogen werden. Sustec hatte diesen Grundstoff auf der Grundlage von Vergasungsprozessen erzeugt. So hat die für Dynea ungünstige Entwicklung im Industriepark Schwarze Pumpe das Unternehmen gezwungen, sein Lausitzer Kapitel zu beenden.

In Erkner dagegen, so betont Plugge, will Dynea weiter wachsen und investieren. Für 2013 ist der Baubeginn einer neuen Halle geplant, mit der sich die Logistik in der Lagerwirtschaft deutlich verbessern soll. Brandenburgs Kunststoff-Wiege will auf dem Markt auch künftig ein gewichtiges Wort mitsprechen.