Von Dorothee Torebko

Einen nüchternen Ort hat die Deutsche Bahn für ihre Jahrespressekonferenz gewählt. In einem Hotel unweit des Potsdamer Platzes in Berlin-Mitte gab der Vorstand in einem düster-grauen Raum Auskunft über die Bilanzen 2018. Das Kühle des Ortes – es passte zu den ernüchternden Zahlen, die Bahnchef Richard Lutz zu verkünden hatte. Denn trotz steigender Passagierzahlen fuhr der Staatskonzern weniger Gewinn ein als noch im Vorjahr. 2019 ist keine Besserung in Sicht. Für Fahrgäste bedeutet das: Sie müssen Geduld haben mit der Bahn.

Das schlechte Jahr lässt sich anhand der Zahlen ausdrücken: Zwar stieg der Umsatz im vergangenen Jahr um drei Prozent auf 44 Milliarden Euro, doch das bereinigte Ergebnis sank um etwa 1,9 Prozent auf 2,1 Milliarden. Nach Abzug von Steuern und Zinszahlungen auf die Schulden bleibt der Bahn wenig übrig: Nur 542 Millionen Euro kann der Konzern in den Ausbau der Infrastruktur, neue Züge und saubere Bahnhöfe investieren. Das sind fast 30 Prozent weniger als im Vorjahr. Und Peanuts, wenn man bedenkt, dass die Bahn dem Bund allein 650 Millionen Euro an Dividende zahlen muss.

Der Konzern braucht dringend Geld – die Bahn steht beim Eigner mit fast 20 Milliarden Euro in der Kreide. Allein für die neue ICE4-Flotte wird sie sechs Milliarden Euro blechen müssen, die Umstellung auf das digitale System ETCS, das Stellwerke unnötig macht, sowie der Deutschlandtakt kosten weitere Milliarden im zweistelligen Bereich.

Doch all diese Maßnahmen – da sind sich die Bahner einig – sind nötig, damit mehr Menschen auf die Schiene kommen. Erst dann ist die Bahn pünktlich, komfortabel, schnell. Deshalb pumpt die DB zusammen mit dem Bund in diesem Jahr 800 Millionen Euro mehr in das System. Lutz betont: „Wir müssen jetzt das Geld in die Hand nehmen. Die Bereitschaft und Entschlossenheit zu investieren, sehen wir auch in der Politik.“

Doch unbegrenzt ist das Geld nicht da. Zwar hat der Bund 2019 im Vergleich zum Vorjahr eine Milliarde mehr zugesagt, doch das wird nicht reichen. Um Löcher zu stopfen, plant der Vorstand deshalb den Verkauf der Auslandstochter Arriva. Am Mittwoch beauftragte der Aufsichtsrat, in dem auch Koalitionäre sitzen, die DB-Chefetage, verschiedene Verkaufsoptionen zu prüfen. Arriva sitzt im englischen Sunderland und betreibt mit mehr als 50 000 Angestellten Busse und Züge in Großbritannien, Italien und Polen. Ihr Verkauf würde geschätzte vier Milliarden Euro zusätzlich bedeuten. Um den Brexit und mögliche Gewinneinbußen macht sich Lutz keine Sorgen. „Der Brexit ist seit zwei Jahren gedanklich immer eingepreist. Mir ist nicht bange“, bekräftigt der Bahnchef.

Der Grüne Bahn-Experte Matthias Gastel lobt den Verkauf und geht sogar noch weiter. Als weiteren Schritt schlägt der Bundestagsabgeordnete aus Baden-Württemberg vor, Schenker abzustoßen. Das ist ein Logistikdienstleister, der auf allen Kontinenten vertreten ist. Verkaufte man die Tochter, würden weitere Milliarden eingespült. „Die Deutsche Bahn muss sich künftig auf den Schienenverkehr in Deutschland als Kerngeschäft konzentrieren und darf sich nicht länger in nicht überschaubaren Auslandsaktivitäten verzetteln“, fordert Gastel.

Das Kerngeschäft wird – und das ist die gute Nachricht aus dem Jahr 2018 – immer populärer. So reisten erstmals über 150 Millionen Passagiere mit den Fernzügen. Das sind im Vergleich zum Vorjahr 5,7 Prozent mehr. Dass Bahnfahren trotz häufiger Verspätungen immer beliebter wird, hat mit den Supersparpreisen, die günstiges Reisen ermöglichen, dem unzuverlässigen Flugverkehr und dem Ausbau der Strecken zu tun.

So boomt die Schnellstrecke von Berlin nach München – mit dem Zug reist der Bahnfahrer in vier Stunden genauso fix quer durch die Republik wie mit dem Flieger und ist schneller als mit dem Bus. „Wir haben ein Umfeld derzeit, das noch nie so gut war für die Schiene“, konstatiert Bahnchef Lutz. Die Bahn muss es nur nutzen.