Das Geschäftsjahr 2002, das Wenning erstmals als Vorstandschef zu verantworten hat, wird für ihn in diesen Tagen fast zum Albtraum. Operativ sei das Jahr absolut enttäuschend gelaufen, räumte der Manager ein. Schon 2001 war das Ergebnis im Zuge der Lipobay-Krise um gut 50 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro eingebrochen. Im dritten Quartal 2002 schrieb Bayer zum ersten Mal rote Zahlen.
An den Kapitalmärkten herrscht wegen der Ungewissheit über Schadensersatzforderungen große Skepsis und Ratlosigkeit über den Bayer-Konzern. Der drastische Kursverfall macht den Koloss mit den vier Sparten Gesundheit, Pflanzenschutz, Kunststoffe und Chemie inzwischen sogar zu einem möglichen Übernahmeziel. Gleichzeitig gestaltet sich die Suche nach einem Partner in der Pharma-Sparte als schwierig.
Den mehr als 450 000 Bayer-Aktionären ist das Lachen vergangen. Gestern stand das Papier erneut unter Druck und rutschte erstmals unter elf Euro. Mit einer Börsenkapitalisierung von rund acht Milliarden Euro ist der Konzern unter den Dax-Werten ins Mittelfeld zurückgefallen und rangiert nur noch einen Platz vor dem Pharmaunternehmen Schering. Innerhalb von zwölf Monaten haben die Aktionäre zwei Drittel ihres Vermögens verloren. Der Ludwigshafener Konkurrent BASF ist an der Börse inzwischen doppelt so viel wert wie Bayer.

Verunsicherung unter Beschäftigten
Beim Betriebsrat stehen inzwischen die Telefone nicht mehr still. Der Absturz der Aktie bewegt auch die Beschäftigten und Pensionäre. "Es ist eine allgemeine Verunsicherung zu spüren", sagt Konzernbetriebsratschef Erhard Gipperich. Alte Bayer-Mitarbeiter riefen an und fragten, was aus dem Unternehmen und ihrer Aktie werde. Und Gipperich mahnt: Wegen eines einzigen Produkts dürfe man Bayer nicht in Bausch und Bogen verdammen.

Schaden nicht zu beziffern
Hauptgrund für den drastischen Kurseinbruch ist nach Einschätzung von Andreas Theisen von der WestLB Panmure nicht der Lipobay-Skandal als solcher. "Das Problem ist vielmehr die Unmöglichkeit, den Schaden zu quantifizieren". Erste Anhaltspunkte könnte der Ausgang des ersten Lipobay-Prozesses in den USA in zwei Wochen geben. Insgesamt sind 7800 Klagen eingereicht worden. Mit 450 Klägern einigte sich Bayer auf einen Vergleich und zahlte 125 Millionen Dollar.
Im August 2001 hatte das Unternehmen den Blutfettsenker Lipobay vom Markt genommen. Das Medikament steht im Verdacht, für den Tod von weltweit 100 Patienten mitverantwortlich zu sein. Bayer beteuert immer wieder seine Unschuld: Auf alle Gefahren und Nebenwirkungen bei der Einnahme von Lipobay sei in Beipackzetteln hingewiesen worden. Die Rücknahme des Medikaments - in den USA hieß es Baycol - hatte den Konzern in eine tiefe Krise gestürzt. In der Pharmasparte gehörte Lipobay zu einem Milliarden-Umsatzbringer.
Die Affäre hatte den damaligen Bayer-Chef und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden Manfred Schneider veranlasst, die Pharmasparte komplett auf den Prüfstand zu stellen. Gleichzeitig wurde der Konzern umgekrempelt: Die vier Sparten erhielten größere Selbstständigkeit und wurden als Tochterfirmen und dem Dach einer Konzernholding gebündelt. Von dem Konglomerat hat sich Bayer nicht verabschiedet - ein Umstand, den das Unternehmen jetzt angesichts des niedrigen Kursniveaus vor einer feindlichen Übernahme ebenso schützen könnte wie die unabschätzbaren Folgen aus der Lipobay-Krise.
Während Bayer beim Pflanzenschutz und bei Polymeren zur Weltspitze gehört, sind die Perspektiven in der Pharmasparte offen. "Es geht um die Zukunft eines werthaltigen Geschäfts, da sollte man dem Management Zeit einräumen", meint Theisen. Werde Wenning aber bei der Partnersuche nicht fündig, dann sei auch ein Verkauf nicht ausgeschlossen. Bei der Bayer 04 Leverkusen geht es inzwischen um den Abstieg in die Zweite Liga.