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INTERVIEW MIT REINHOLD DELLMANN
Bauboom mit großen regionalen Unterschieden

Neubauwohnungen entstehen auf einer Baustelle in Berlin-Kreuzberg, Die Wohnungsnachfrage und die niedrigen Zinsen beflügeln die regionale Bauwirtschaft. Auch  Lausitzer Firmen realisieren Aufträge im Raum Berlin und im Raum  Dresden.
Neubauwohnungen entstehen auf einer Baustelle in Berlin-Kreuzberg, Die Wohnungsnachfrage und die niedrigen Zinsen beflügeln die regionale Bauwirtschaft. Auch Lausitzer Firmen realisieren Aufträge im Raum Berlin und im Raum Dresden. FOTO: Bernd von Jutrczenka / dpa
Berlin/Cottbus. Die Bauwirtschaft hat 2017 ein Boomjahr erlebt. Der Trend wird noch zwei bis drei Jahre anhalten, aber es wird große regionale Unterschiede geben, sagt Reinhold Dellmann, Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg, im RUNDSCHAU-Interview. Die Fachgemeinschaft vertritt die Interessen der mittelständischen Bauwirtschaft in Berlin und Brandenburg. Mit ihren rund 900 Mitgliedern ist sie der größte Bauarbeitgeber- und Bauwirtschaftsverband in der Region.

Herr Dellmann, heimlich, still und leise hat die Bauwirtschaft 2017 ihr wohl bestes Jahr seit dem drastischen Einbruch der Baukonjunktur Ende der 90er-Jahre erlebt. Was ist passiert?

Dellmann Ja, es war ein gutes Jahr. Dafür gab es drei Gründe: günstige Zinsen, die hohe Wohnungsnachfrage in Berlin und dem Umland, dazu die Einsicht der Brandenburger Landesregierung, mehr für die Infrastruktur unseres Landes zu tun.

Hält der Trend an?

Dellmann Für die nächsten zwei bis drei Jahre bin ich optimistisch, dass der Bauboom anhält. Aber es wird große regionale Unterschiede geben.

Warum?

Dellmann Der Wohnungsbau wird in drei bis fünf Jahren wieder auf einem normalen Level sein, zurzeit ist er durch niedrige Zinsen getrieben. Für die öffentliche Infrastruktur, also Schulen, Kitas, Straßen undsoweiter muss klar gesagt werden: Hier wird dauerhaft ein großer finanzieller Bedarf bei Neubau und Sanierung bestehen. Die Mittelbereitstellung darf hier keine Sinuskurve sein!

In welchen Regionen brummt es am meisten?

Dellmann Im Wohnungsbau gibt es eine Konzentration auf den Großraum Berlin und in Richtung Dresden. Viele Lausitzer Firmen finden dort ihre Aufträge. Durch die Entscheidungen zur Braunkohle spürt man regionale Auftragsrückgänge. Brandenburg und Sachsen sind gefordert, mehr Anstrengungen für den Strukturwandel in der Lausitz zu unternehmen.

Verfügt die heimische Baubranche überhaupt über genügend Kapazitäten? Immerhin hat die öffentliche Hand schon im Oktober 2017 signalisiert, dass sich kaum noch Bieter auf Ausschreibungen melden. Gleichzeitig ist der Fachkräftemangel das größte Problem des Brandenburger Bau-Mittelstandes. Wo ist der Ausweg?

Dellmann Der Fachkräftemangel ist längst da. Trotz größter Anstrengungen der Branche für die Ausbildung wird die Zahl der Bauhandwerker weiter sinken. Die demografische Entwicklung lässt sich, leider, nicht aufhalten. Helfen können gute Bezahlung der Beschäftigten, neue Bautechniken und -methoden sowie die Wertschätzung regionaler Unternehmen.

Sie waren viele Jahre Minister für Infrastruktur und Raumordnung in Brandenburg. Wenn Sie heute auf die Ergebnisse beim Stadtumbau zurückblicken – mit dem steigenden Neubaubedarf im sozialen Wohnungsbau insbesondere in Ballungsräumen im Hinterkopf – würden Sie dann sagen, der großzügige Abriss von DDR-Plattenbauten war ein Fehler?

Dellmann Der Weg war richtig. Stadtumbau war und wird auch zukünftig notwendig sein. Wir müssen uns in Städten wie Cottbus auf die Kernstädte konzentrieren. Aber es muss immer vor Ort und mit den Bürgern entschieden werden. Das Land kann hier nur unterstützen.

Was sind Ihre Eindrücke nach mehr als sechs Jahren auf der anderen Seite des Schreibtischs, als Interessenvertreter der mittelständischen Bauwirtschaft, was braucht es, um auf Landes- und Bundesebene die richtigen politischen Entscheidungen zu treffen und welchen Einfluss haben Branchenverbände tatsächlich?

Dellmann Der Blick aus Unternehmenssicht ist oft ein deutlich anderer. Unternehmen brauchen verlässliche Auftraggeber im Bereich der öffentlichen Hand. Dies bedeutet zum Beispiel, nicht dem billigsten Anbieter den Zuschlag zu erteilen, sondern dem wirtschaftlichsten. Regionale Kreisläufe und damit Wertschöpfung stärken, dies muss viel stärker gelebt werden. Auch Baufirmen müssen Personal mittel- und langfristig planen, insofern ist die kontinuierliche Mittelbereitstellung, zum Beispiel für den Straßen- oder Schulbau, so wichtig. Verbände können hier aufklären und vermitteln.

Sie werden zum 1. Januar ihre Verantwortung als Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau abgeben und eine neue berufliche Aufgabe annehmen. In welchem Metier werden Sie dann aktiv sein?

Dellmann Nach sechseinhalb Jahren reizt es mich zu wechseln. Das Herz schlägt in und für Brandenburg. Ich werde der Region beruflich erhalten bleiben.

Mit Reinhold Dellmann

sprach Beate Möschl