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Ausbildung auf Augenhöhe

Jonas Kockott arbeitet derzeit in der Küche, hilft beim Frühstücksservice und bereitet kleine Eierspeisen nach den Wünschen der Gäste zu.
Jonas Kockott arbeitet derzeit in der Küche, hilft beim Frühstücksservice und bereitet kleine Eierspeisen nach den Wünschen der Gäste zu. FOTO: Hil
Cottbus. Kammern, Betriebe und Verbände klagen seit einigen Jahren vehement über Probleme bei der Besetzung von Ausbildungsstellen. Besonders schwer ist das offensichtlich im Handwerk und im Hotel- und Gaststättenbereich. Andrea Hilscher

Ein Cottbuser Hotel aber zeigt, wie sich auch in schwierigen Zeiten guter Nachwuchs finden lässt - mit dem Prinzip "Ausbildung auf Augenhöhe".

Michael Fehrmann, Direktor des Lindner Hotels Cottbus, erklärt, was er damit meint. "Unsere Unternehmensphilosophie beruht darauf, dass wir uns hier auf Augenhöhe begegnen. Das betrifft Mitarbeiter und Auszubildende ebenso wie Hotelpersonal und Gäste." Nur so könne man eine Atmosphäre schaffen, in der Menschen gern zur Arbeit kommen. "Und das", so Fehrmann, "bekommt dann wiederum der Gast zu spüren, der sich bei uns gut aufgehoben fühlt." Anders ausgedrückt: "Wir werben um unsere Azubis so wie um unsere Gäste."

Fragt also ein junger Mensch bei Lindner nach einem Schülerpraktikum, dann leuchten bei Konstanze Rasche die Augen. Sie ist für Personal und Ausbildung zuständig. Einen potenziellen Lehrling behandelt sie wie ein kostbares Gut. Er wird höflich behandelt, umfassend informiert, auch nach seinem Praktikum hält sie den Kontakt und schickt regelmäßig Geburtstagsgrüße. Kleinigkeiten, die bei den jungen Leuten ankommen.

Zwölf Auszubildende lernen derzeit im Cottbuser Lindner (53 Mitarbeiter). Einer von ihnen ist Nico Hurras (18). Er steckt mitten im zweiten Ausbildungsjahr zum Hotelfachmann. Der junge Cottbuser ist beim "Zukunftstag Brandenburg" auf den Beruf aufmerksam geworden, hatte dann im Rahmen eines Projekttages an seiner Schule die Chance, ein Bewerbungsgespräch mit Konstanze Rasche zu trainieren. Aus dem Training ist rasch ein festes Ausbildungsverhältnis geworden.

Nico Hurras hat im Service und im Housekeeping gearbeitet, war in der Küche und steht jetzt an der Rezeption. "Das ist genau mein Ding", sagt er zufrieden. "Mit Menschen zu tun zu haben, gleichzeitig hier die Technik bedienen, das macht einfach Spaß." Schwierige Situationen lächelt er einfach weg, behält die Ruhe und freut sich, wenn er auch ungewöhnliche Kundenwünsche erfüllen kann. Nach der Ausbildung möchte Nico Hurras nach Leipzig ins dortige Lindner wechseln oder in die Zweitmarke des Hauses gehen, die speziell auf junge Gäste zugeschnitten ist. "Da gibt es schnelles Internet und Netflix auf jedem Zimmer", schwärmt er, und bestätigt damit ganz unbewusst eine Lebensregel seines Chefs. "Wenn die jungen Leute einen Plan vor Augen haben, halten sie die Ausbildung trotz mancher Tiefs auch durch." Ohne diesen Plan wäre es oft schwierig, sich damit zu arrangieren, dass man immer genau dann arbeitet, wenn Freunde und Familie Freizeit haben.

Einen Plan hat offenbar auch Jonas Kockott (16). Für ihn war schon früh klar, dass er "etwas mit Menschen" machen möchte, und da seine Eltern ebenfalls oft am Wochenende arbeiten, hat ihn auch der Schichtdienst im Hotel nicht geschreckt. Insgesamt drei Schulpraktika hat er im Lindner absolviert, dann war klar: "Das ist es."

Im Moment hilft er der Küche beim Frühstücksservice - frühes Aufstehen inklusive. Der Dienst beginnt um 6 Uhr. "Aber das macht mir nichts", sagt er strahlend, "dafür habe ich dann ja nachmittags frei." Nach seiner Ausbildung will er in der Hotellerie bleiben, sich in anderen Städten umschauen. Hoteldirektor Michael Fehrmann: "Das ist genau richtig. In unserem Beruf muss man sich die Welt anschauen, den Horizont erweitern." Viel zu oft höre er auch von jungen Menschen, dass sie unbedingt am Haus bleiben wollen. "Das ehrt uns. Aber schöner ist es, wenn unser Nachwuchs vielfältige Erfahrungen sammelt."

Wer die Prüfung besteht, wird in der Lindner-Gruppe garantiert übernommen. Und wer Angst hat, nicht zu bestehen, bekommt "Nachhilfe". Konstanze Rasche: "Das ist für die jungen Leute kostenlos, wird mit Unterstützung der Agentur für Arbeit organisiert und hilft, so manche Klippe zu umschiffen." Ebenfalls wichtig: regelmäßiges Feedback, Planung von Entwicklungsschritten und einfach mal ein nettes Wort zwischendurch. Oder, wie Michael Fehrmann es beschreibt: "So, wie wir unsere Gäste wertschätzen, schätzen wir auch unsere Azubis. Alles andere wäre dumm."

Zum Thema:
Das Lindner Hotel hat als erstes Cottbuser Haus das Siegel "Ausbildung mit Qualität" erhalten. Dieses Siegel wird seit einem Jahr vom Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Brandenburg (1300 Mitgliedsbetriebe) vergeben. Auszubildende bewerten hierfür ihre Arbeitgeber anonym im Internet. Punkten können Betriebe mit Karrierechancen, Entwicklungsgesprächen, E-Learning, Weiterbildung, Wertschätzung. Dehoga-Präsident Olaf Schöpe: "Wir wollen zeigen, dass unsere Branche besser ist als ihr Ruf. Die Ausbildungsbedingungen und die Tarife haben sich verbessert." Mit dem neuen Siegel können Hotels und Gaststätten werben und so leichter qualifizierten Nachwuchs finden. www.ausbildung-mit-qualit ät.de.