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| 10:41 Uhr

Marianne Heiß und Volkswagen
Aus der Werbung in die Autoindustrie

Marianne Heiß ist Finanzvorstand bei der Düsseldorfer Agentur BBDO.
Marianne Heiß ist Finanzvorstand bei der Düsseldorfer Agentur BBDO. FOTO: BBDO/Claudia Kempf
Düsseldorf. Ein Kulturwandel ist die Berufung von Marianne Heiß für Volkswagen nicht - spannend ist die Personalie dennoch. Florian Rinke

Ein Kulturwandel ist die Berufung von Marianne Heiß für Volkswagen nicht - spannend ist die Personalie dennoch.

Als Sheryl Sandberg 2013 ihren Willen zur Macht gestand, schrieb die "Vanity Fair" von einem "Manifest". "Lean in" hatte die Facebook-Managerin ihr Buch getauft, das eine Art Mutmacher und Anleitung für jene weiblichen Führungskräfte sein sollte, die es in einer männerdominierten Wirtschaft an die Spitze schaffen wollen. Seitdem ist Sandberg weltberühmt.

Für Marianne Heiß gilt das nicht. Dabei ist die Managerin eine Art österreichische Sheryl Sandberg: gut ausgebildet, ehrgeizig, schon in jungen Jahren weit oben auf der Karriereleiter - und genau wie die Amerikanerin Verfasserin eines Buches, in dem es um die Vorzüge von Frauen in Führungspositionen geht. "Als Frau muss ich zeigen, dass ich richtig gut bin, denn wer darauf wartet, entdeckt zu werden, kommt nie an sein Ziel", schreibt Heiß in dem 2011 erschienenen Buch "Yes she can". Der Satz könnte auch von Sandberg stammen.

Und Heiß hält offenbar Wort: Denn die öffentlich bislang kaum bekannte Frau ist nicht nur Finanzvorstand bei der Düsseldorfer Werbeagentur BBDO, sondern kontrolliert gleich drei Unternehmen im verzweigten Volkswagen-Reich.

Als VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch ihr das Wort erteilt, erhebt sich Marianne Heiß von ihrem Platz zwischen VW-Großaktionär Hans Michel Piëch und Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) und geht mit schnellen Schritten Richtung Rednerpult. Seit Februar sitzt sie im Aufsichtsrat des Volkswagen-Konzerns, nachdem sie das Amt von Annika Falkengren übernommen hatte, die nach einem Job-Wechsel das Kontrollgremium verlassen musste. Nun warb sie bei den Aktionären, um für eine volle Amtszeit gewählt zu werden.

Ähnliches wird sich in den kommenden Wochen bei den Hauptversammlungen der Porsche Automobil Holding SE, dem Volkswagen-Großaktionär, in dem die Familien Porsche und Piëch ihre Anteile am VW-Konzern gebündelt haben, und der Volkswagen-Tochter Audi wiederholen. Auch hier soll ihre befristete Mitgliedschaft in eine volle Amtszeit umgewandelt werden.

Es ist die nächste Stufe auf der Karriereleiter, die Heiß so zielstrebig erklimmt: Mit 21 Jahren wird sie die jüngste Betriebsbüroleiterin der Hotelkette Dorint, knapp 20 Jahre später ist sie ab 2013 Finanzvorstand der BBDO Group Germany, für die sie einen Umsatz von knapp 580 Millionen Euro verwalten muss. "Als ich meine Frau kennenlernte, befanden wir uns auf vergleichbaren Ebenen der Karriereleiter", beschreibt ihr Mann in "Yes she can" die Zielstrebigkeit von Heiß: "Meine Frau ist aber acht Jahre jünger als ich, und ich hatte recht bald das Gefühl, dass sie mich überholen würde."

Viel mehr erfährt man über sie in dem Buch leider nicht. Denn wo Sheryl Sandberg Anekdoten erzählt, bleibt Heiß auf knapp 200 Seiten eher bei Fakten. Und auch Anfragen zum Gespräch lehnt sie ab. Sie wolle sich gegenüber den Medien bis auf Weiteres in Zurückhaltung üben, was ihre künftigen Aufgaben betrifft, heißt es bei BBDO.

Also müssen andere ihre Ernennung erklären: Man habe bei der Suche nach geeigneten Nachfolgekandidatinnen für Annika Falkengren stark auf die fachlichen Qualifikationen geachtet, speziell auf einen soliden Hintergrund im Finanz- und Rechnungswesen sowie Erfahrung als Finanzvorstand oder in einer gleichwertigen Funktion, heißt es bei Volkswagen.

In der Finanzbranche hätten sich einige allerdings einen ambitionierteren Umbau des Aufsichtsrates gewünscht - speziell im Hinblick auf Zukunftsthemen wie Elektromobilität und autonomes Fahren. "Volkswagen befindet sich in einem Transformationsprozess - gleiches sollte auch für den Aufsichtsrat gelten", sagt Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment: "Die Kompetenzen im Bereich Digitalisierung und Elektrifizierung müssen weiter gestärkt werden. Aufsichtsratskandidaten mit hoher Digitalexpertise sind Mangelware."

Immerhin: Auf Heiß soll die Wahl immerhin nicht aufgrund familiärer oder freundschaftlicher Verbindungen zu den Großaktionären gefallen sein, heißt es in Branchenkreisen. Dass sie ebenso wie Aufsichtsratschef Pötsch und die Familie Piëch aus Österreich stammt, sei Zufall. Ebenso wenig spielte offenbar eine Rolle, dass BBDO zum selben Mutterkonzern (Omnicom) gehört wie die Werbeagentur DDB. Letztere ist für die Kampagnen von Volkswagen federführend verantwortlich, VW gilt als wichtigster Kunde.

In Finanzfragen dürfte sie mit ihrer bisherigen Arbeit immerhin gut zur neuen Marschrichtung bei Volkswagen passen: Heiß' Diplomarbeit befasste sich mit der Frage, wie sich Fixkosten senken lassen, der Titel eines ihrer Bücher lautet "Strategisches Kostenmanagement in der Praxis" - Themen, die im VW-Konzern unter dem als Kostendrücker bekannten neuen Chef Herbert Diess mit Sicherheit an Bedeutung gewinnen dürften.