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| 01:02 Uhr

Auf russischer Schiene

Erstmals hat ein mittelständisches Unternehmen aus der Lausitz eine Niederlassung direkt an der Bran-denburgischen Technischen Universität (BTU) gegründet. Die apikal Anlagenbau GmbH aus dem Lautaer Ortsteil Laubusch will auf diese Weise ihr Forschungspotenzial beträchtlich ausweiten. Das ist unter anderem notwendig zur Realisierung eines Kooperationsvertrages mit dem russischen Bahntechnikhersteller Rif Corporation aus Woronesch. Von Rolf Bartonek

Apikal-Geschäftsführer Klaus Händler (54) ist anders. Während die meisten Lausitzer Unternehmer auf Einladungen der Universität zu anwendungsorientierten Konferenzen allzu oft in der Vergangenheit gar nicht reagiert haben, läuft er der Wissenschaft hinterher. Seit Jahren kooperiert seine Firma mit der Fachhochschule Lausitz (FHL). Dabei entstanden zum Beispiel die Druckluftmodule für Lokomotiven, die dem Unternehmen die Bahn als Hauptkunden bescherten.
Jetzt hat apikal als erste Firma der Region sogar eine eigene Niederlassung an der BTU gegründet. Ihr Leiter ist Martin Liske, der gerade seine Diplomarbeit mit der Note eins abgeschlossen hat. Ein zweiter Absolvent werde in diesem Monat eingestellt, sagt Händler. Er sitzt mit der Niederlassung in der BTU direkt an der Quelle und sichert sich das Forschungspotenzial, das er für das Wachstum seines Unternehmens braucht. Ein starker Partner in der BTU ist dabei Prof. Dr. Ulrich Berger mit seinem Lehrstuhl Automatisierungstechnik. Händler sieht in der engen Zusammenarbeit mit FHL und BTU eine Voraussetzung für den Erfolg seines Unternehmens. Als er es 1997 gründete, hatte er einen Mitarbeiter. Heute hat apikal neben seinem Hauptsitz Laubusch sechs Niederlassungen in Sachsen, Sach-sen-Anhalt und Brandenburg mit insgesamt 50 Beschäftigten.
Vom derzeit wichtigsten Entwicklungsprojekt kündet in Händlers Büro ein stimmungsvolles Bild mit Birken am Ufer eines kleinen russischen Sees. Der Besucher in Laubusch hält es für ein Gemälde und ist verblüfft, wenn er erfährt, dass es aus gefärbten Halbleiter-Kristallpartikeln besteht. Das Bild verkörpert keine neue Kunstrichtung. In dieser Hinsicht darf es als Gag durchgehen. Es ist ein Abfallprodukt russischen Know-hows, das zu Kapital werden soll.

Aus der Raumflugtechnik
Für ihre Weltraumflüge haben die Russen thermoelektrische Klimaanlagen entwickelt, die völlig ohne Kältemittel auskommen. Sie schufen Peltier-Elemente mit einem für die Klimaregelung ausreichend hohen Wirkungsgrad. Solche Elemente be-stehen aus zwei Platten unterschiedlicher Metalle, die miteinander verlötet sind. Beim Anlegen von Gleichstrom an eine der beiden Platten wird eine Seite extrem kalt, eine extrem heiß. Gefunden hat diesen Effekt 1834 der französische Uhrmacher Jean Charles Athanase Peltier.
Weil aber die heiße Seite bei bisherigen Thermo-Elementen viel mehr Hitze abgibt als die kalte Seite aufnimmt, ließ sich für Klimaanlagen kein brauchbarer Wirkungsgrad erzielen. Es gibt zwar schon Kühl-, aber kaum Klimatechnik mit Peltier-Elementen. Die Russen haben dieses Problem durch Beschichten mit speziell für diesen Zweck gezüchteten Halbleiterkristallen gelöst.
Die Rif Corporation, ein Unternehmen mit rund 1500 Beschäftigten in Woronesch, stattet russische Loks mit thermoelektrischen Klimaanlagen aus. Die Deutsche Bahn AG hat Interesse daran. Denn die Peltier-Anlagen sind kompakt und wartungsfrei. Es muss kein Kältemittel ausgetauscht und entsorgt werden. Und Strom ist auf jeder Lok mehr als genug vorhanden.
Dies ist der Punkt, an dem die Lausitzer apikal ins Spiel kommt. Sie soll der Bahn die russische Technik europafein machen. Denn den russischen Anlagen fehle die Elektronik, sie ermöglichten keine automatisierte Klimaregelung, berichtet Händler. Auch die Woronescher suchten einen erfahrenen Partner, an den sie ihre Peltier-Elemente verkaufen können.
Weil die Deutsche Bahn AG mit den Laubuscher Druckluft-Modulen sehr zufrieden ist, will sie die Lausitzer nun auch bei den Klimaanlagen als Partner. Es seien Bahn-Manager gewesen, die apikal den Kontakt zur russischen Rif Corporation bahnten, erzählt Händler. Nun ist er mit seinen Leuten auch auf der „russischen Schiene“ zu Hause.

Wissen als Potenzial
Seit er vor gut acht Jahren mit seinem Drucklufttechnik-Unternehmen an den Start ging, hat er immer in erster Linie auf das Know-how geachtet. Es steckt, wie er berichtet, im Wissen der Mitarbeiter ebenso wie im höheren Gebrauchswert neuer Produkte und der Zuverlässigkeit errichteter Anlagen. Mit dem apikal Service- und Innovationszentrum an der BTU erschließt Händler zudem Potenziale, die weit über das eigene Unternehmen hinausreichen. Für Studenten soll es auch Praktika ermöglichen. Da ließen sich wieder gute Leute herausfiltern, solche, von denen apikal noch mehr brauchen könne, freut sich der Chef.

Hintergrund Kunden von A wie Alstom bis Z wie Zahnradwerk
 Neben der Herstellung von Druckluft-Modulen für Lokomotiven ist die Ausrüstung ganzer Betriebe mit Drucklufttechnik das zweite große Standbein der apikal Anlagenbau GmbH. In diesem Bereich war das Unternehmen unter anderem schon für Alstom, Porsche, BMW, Volkswagen, die BASF, Vattenfall, Samsung, Coca Cola und das Zahnradwerk Leipzig tätig. Derzeit läuft in Zusammenarbeit mit der BTU ein innovatives Projekt zur Senkung des Energieverbrauchs von Druckluft-Zentralen um bis 30 Prozent durch eigens dafür entwickelte Soft- und Hardware.