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Lausitzer Unternehmergeschichten Gerhard Nies
Auf das Know-how kommt es an

Der ehemalige Takraf-Chef Gerhard Nies (r.)  im Gespräch mit Burkhard Petack (60, Bereichsleiter Technik und Prokurist).
Der ehemalige Takraf-Chef Gerhard Nies (r.)  im Gespräch mit Burkhard Petack (60, Bereichsleiter Technik und Prokurist). FOTO: Mirko Sattler
Lauchhammer. Lausitzer Unternehmer berichten in loser Folge von ihren Erfahrungen in der sich wandelnden Region. Heute: Gerhard Nies, ehemaliger Geschäftsführer der Takraf GmbH Lauchhammer.

Als ich Stahlbau studierte – an der Ingenieurschule in Roßwein –, kam ich 1971 für ein Praktikum ins Lauchhammerwerk des DDR-Kombinates Takraf. Als Kind hatte ich meinem Vater in der Schmiede in Blankensee geholfen und während der Oberschulzeit zugleich Werkzeugmacher gelernt. Nun lief ich durch die Werkshallen in Lauchhammer und dachte: Das ist es! Hier will ich arbeiten! Ich tat es – knapp 40 Jahre lang.

In den Wendewirren wurde ich Ende 1989 als Chefkonstrukteur eingesetzt und Mitte 1990 zum Technischen Vorstand der formal privatisierten Lauchhammerwerk AG berufen. Die Treuhandanstalt schickte Beraterfirmen, die ermitteln sollten, ob wir etwas wert waren.

Nach jedem gut dotierten Beratungs-Prozess standen Personalreduzierungen auf der Tagesordnung. 1992 wurden die bis dahin übriggebliebenen Betriebsteile zur Takraf  Lauchhammer Leipzig GmbH umfirmiert. Gemeinsam mit Klaus Fortkord und Joachim Reul, zwei westdeutschen Managern, berief man mich in die neue Dreier-Geschäftsführung des Unternehmens. Wir mussten bergeweise Entlassungen unterschreiben. Als einzig altgedientem „Lauchhammeraner“ in der Geschäftsführung brachten mich diese Jahre an die Grenzen des mental Erträglichen.

Unser Ziel bestand darin, die restlichen Betriebe und das Know-how der Tagebau- und Fördertechnik zusammen zu halten. Dazu mussten wir die Verantwortlichen der Treuhand mit einem profitablen Geschäftskonzept überzeugen. „Herr Reul“, sagte ich zu meinem Co-Geschäftsführer, „wenn wir keine richtigen Investitionen bekommen, wird die Takraf untergehen.“

Schließlich erhielt auch ich die Gelegenheit, meine Vorstellungen in einer Sitzung der Treuhandanstalt in Berlin vorzutragen. Ich wurde gebeten, mögliche Zukunftsstrukturen für das Takraf-Kerngeschäft „Tagebau- und Förderanlagen“ aus technischer Sicht darzulegen.

Ich wies auf die Notwendigkeit von Investitionen hin und regte an, dass die Berater nicht nur unser Werk, sondern auch unsere Kunden im Ausland besuchten. Statt sich nur unsere zum Teil maroden Anlagen in Lauchhammer anzusehen, könnten sie sich bei den Kunden einen Eindruck von unserer Leistungsfähigkeit verschaffen.

Einige Zeit später gab mir Joachim Reul eine Protokoll-Kopie, welche die Berater von ihrer „Forschungsreise“ angefertigt hatten. Er kommentierte sie mit dem sarkastischen Spruch: „Bitte vor dem Lesen zerreißen!“

Doch es beinhaltete gute Nachrichten! Unsere Bergbau-Kunden hatten zu uns gehalten und die Berater der Treuhandanstalt auf die strategische Bedeutung der Takraf hingewiesen. Unsere Produkte hatten die Energiewirtschaft im Osten maßgeblich geprägt und gestützt, unsere Ingenieure und Facharbeiter wurden geschätzt. Das zahlte sich aus.

Die Rettung kam durch einen „Glücksfall“. Die Firma MAN Fördertechnik Nürnberg hatte einen Auftrag der Rheinbraun AG für einen Großschaufelradbagger angenommen. Doch auch im westdeutschen MAN-Konzern hatte es Werksschließungen und Umstrukturierungen gegeben. Für ein derartig anspruchsvolles Mammutprojekt war er nicht mehr ausgerüstet. So kam 1992 unser Lauchhammerwerk ins Spiel.

Wir gaben Angebote ab, führten Preisverhandlungen und kamen zum Vertragsabschluss. Rettung in letzter Sekunde! Ohne diesen Auftrag und den Schulterschluss mit MAN wäre das zarte Gebilde der Takraf Lauchhammer Leipzig GmbH wohl zerschlagen worden – wie so viele DDR-Betriebe, darunter ein großer Teil des ehemaligen Takraf Kombinats. Im Juli des Jahres 1994 kam es zu einer „friedlichen Übernahme“ der „kleinen“ Takraf durch MAN.

Im Jahr 2007 wurden wir an den italienischen Metallurgie-Konzern Techint Tenova weiterverkauft. ­Takraf heißt seither Takraf GmbH und beschäftigt aktuell etwa 450♦Mitarbeiter in Deutschland, weltweit sind es mit den Tochtergesellschaften 1300.

Ich selbst blieb bis zum Jahr 2010 in der Geschäftsleitung für den Standort Lauchhammer zuständig. Dann ging ich auf eigenen Wunsch in den Ruhestand. Zuvor bestätigte die Tenova Group den von mir vorgeschlagenen Nachfolger. Knapp 40♦Jahre war ich Helfer für die Tagebautechnik, das reichte dann doch.