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| 09:48 Uhr

Stuttgart
Auch Daimler nutzte Schummelsoftware

Stuttgart. Das Kraftfahrt-Bundesamt ordnet einen weltweiten Rückruf des Kleintransporters Vito an. Nach Ansicht der Experten wurde eine illegale Abschalteinrichtung verbaut. Doch der Autobauer wehrt sich - und will zur Not vor Gericht ziehen.

Auch der Stuttgarter Autobauer Daimler hat nach Ansicht der Behörden die Abgasreinigung bei Diesel-Fahrzeugen manipuliert. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) habe bei Untersuchungen des Kleintransporters Mercedes-Benz Vito unzulässige Abschalteinrichtungen entdeckt, teilte das Bundesverkehrsministerium gestern mit. Für weltweit knapp 6300 Fahrzeuge, darunter gut 1370 in Deutschland, sei ein Rückruf angeordnet worden. Daimler will das nicht hinnehmen und hat Widerspruch angekündigt. Unabhängig davon werde man aber weiter in vollem Umfang mit den Behörden kooperieren, hieß es.

Zusätzlicher Druck kommt aus Berlin: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will Aufklärung von Daimler-Chef Dieter Zetsche: "Ich habe wegen des Manipulationsfalls beim Mercedes Vito den Daimler-Vorstandsvorsitzenden bereits für diesen Montag ins Ministerium einbestellt", sagte Scheuer dem "Spiegel". Zudem habe er das KBA "angewiesen, weiteren Verdachtsfällen bei Mercedes unverzüglich nachzugehen. Ich erwarte, dass Mercedes seinen Kunden gegenüber Klarheit schafft".

Daimler steht im Abgasskandal nicht erst jetzt unter Druck. Die Justiz in Deutschland und in den USA ermittelt schon länger. Im Sommer 2017 hatten Ermittler die Konzernzentrale durchsucht und Unterlagen sichergestellt. Außerdem wurden Software-Updates für Millionen Fahrzeuge entwickelt. Im Februar 2018 berichtete die "Wirtschaftswoche" über den Verdacht des KBA, Daimler habe beim Mercedes Vito gegen Regeln verstoßen. Anders als bei anderen Herstellern hatte es aber bisher keinen amtlichen Bescheid des Kraftfahrt-Bundesamtes gegeben, in dem die Behörde zur Einschätzung kommt, dass Daimler auf unzulässige Weise bei der Abgasreinigung manipuliert hat.

Jetzt geht es um das Modell Vito 1,6 Liter Diesel mit der Abgasnorm Euro 6. "Aufgrund der eingebauten Abschalteinrichtungen kann es im Betrieb der Fahrzeuge zu erhöhten Stickoxid-Emissionen kommen", teilte das Ministerium mit, das einen konsequenteren Kurs gegenüber der Autoindustrie eingeschlagen hat. Daimler müsse diese Funktionen nun entfernen. Der Autobauer selbst hält die Sache für nicht so eindeutig: "Die Funktionen sind Teil eines komplexen Abgasreinigungssystems, das eine robuste Abgasreinigung bei unterschiedlichen Fahrbedingungen und über die Nutzungsdauer eines Fahrzeugs sicherstellen soll", hieß es in einer Stellungnahme. Um den Abgas-Testzyklus zu bestehen, seien die fraglichen Programmierungen nicht erforderlich. Die Auffassung des KBA, dass die spezifische Programmierung von zwei Funktionen in der Motorsteuerung nicht den geltenden Vorschriften entspreche, werde man zur Not vor Gericht klären lassen. Die Programmierungen will Daimler korrigieren, sobald das KBA die notwendigen Software-Updates freigegeben hat.

Zetsche hatte kurz nach Bekanntwerden des Abgasskandals bei V W betont, dass es in seinem Hause keine illegalen Abgas-Manipulationen gebe: "Wir halten uns grundsätzlich an die gesetzlichen Vorgaben und haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen", hatte er im September 2015 gesagt. Auch später hatte Daimler stets betont, dass man sich mit allen rechtlichen Mitteln gegen die Vorwürfe wehren werde. Wie andere Hersteller hatte sich Daimler mit dem KBA darauf geeinigt, bestimmte Fahrzeuge freiwillig zurückzurufen, um die Technik anzupassen und den Ausstoß schädlicher Stickoxide zu reduzieren. Betroffen waren zunächst 270.000 Fahrzeuge, die Zahl wurde dann später auf gut drei Millionen aufgestockt. Der Vito gehöre ohnehin zu den europaweit rund drei Millionen Diesel-Fahrzeugen von Mercedes-Benz, die Daimler seit vergangenem Sommer per Software-Update nachbessern lässt, betonte der Autobauer gestern.

(dpa)