ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:59 Uhr

Arbeitswelt
„Atlas der Arbeit“ warnt vor Sklaverei

Deutscher Gewerk­schafts­­bund und Hans-Böckler-Stiftung haben am Montag eine neue Untersuchung veröffentlicht. Die wichtigsten Erkenntnisse: Von Stefan Vetter

ARBEITSZEIT: Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist zwischen 1992 und 2015 von 38,1 auf 35,6 Stunden gesunken.

Das liegt allerdings nicht daran, dass weniger gearbeitet wird, sondern daran, dass sich die Arbeit auf mehr Schultern, sprich, auch auf mehr Teilzeitbeschäftigte verteilt. Teilzeitbeschäftigte arbeiten im Schnitt knapp 20 Stunden pro Woche, Vollzeitarbeiter knapp  42 Stunden.

ATYPISCHE ARBEIT: Das Normalarbeitsverhältnis, also die unbefristete Vollzeitstelle, ist immer noch für fast zwei Drittel der arbeitenden Frauen und drei Viertel der beschäftigten Männer die Regel. Aber die Anteile sind seit 1991 um zehn beziehungsweise sieben Prozent zurückgegangen. Parallel dazu hat sich die Quote der atypisch beschäftigten Männer auf zwölf Prozent verdoppelt.

Bei den Frauen stieg sie um rund eine Drittel auf  jetzt 31 Prozent. Unter atypischer Beschäftigung verstehen Fachleute vor allem Minijobs, befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit, aber auch Teilzeit. „Entgegen der ursprünglichen Idee haben sich Minijobs für die Beschäftigten nicht als Einstieg zu guter Arbeit erwiesen“, resümieren die Autoren.

BEFRISTETE STELLEN: Heute erhalten 44 Prozent der neu eingestellten Mitarbeiter nur noch befristete Verträge  – die Hälfte davon ohne einen sogenannten Sachgrund  wie etwa eine Schwangerschaftsvertretung. Und das längst nicht nur in der Privatwirtschaft. Im Öffentlichen Dienst und im Wissenschaftsbetrieb  seien Befristungen  und damit die Ungewissheit für die Betroffenen „die Regel“, wird in der Untersuchung kritisiert.

Ausgelöst durch die aktuelle Debatte über befristete Arbeitsverträge bei der Deutschen Post hat Vizekanzler Olaf Scholz hier Abhilfe versprochen. Für alle staatlichen Behörden und Folgebehörden müssten die Befristungsquoten gesenkt werden, erklärte der SPD-Politiker am Sonntag im ARD-Fernsehen.

EINKOMMEN: Die wachsende prekäre Beschäftigung geht auch mit der Ausweitung des Niedriglohnbereichs einher. Rund 1,2 Millionen Beschäftigte verdienen so wenig, dass sie ihr Gehalt mit Hartz IV aufstocken müssen.

Teilzeitbeschäftigte erhalten laut Untersuchung im Schnitt über drei Euro je Stunde weniger als Vollzeitarbeiter. Nahezu jeder vierte Arbeitnehmer hat im Jahr 2015 weniger als 10,22 Euro pro Stunde verdient und lag damit unter der Niedriglohnschwelle.

Wohl dem, der dagegen nach einem Tarifvertrag  bezahlt wird. Bei diesen Beschäftigten liegen die Stundenlöhne um etwa 18 Prozent höher als in nicht tarifgebundenen Unternehmen. Aktuell wird aber nur noch etwa jede zweite Beschäftigte nach Tarif bezahlt.

ERWERBSBETEILIGUNG: In Deutschland arbeiten offiziell 75 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren. 2017 waren das rund 44 Millionen Personen. Davon gingen 32 Millionen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach – 20 Prozent mehr als Mitte des vergangenen Jahrzehnts. Damit liegt Deutschland im oberen EU-Drittel.

SKLAVEREI: Gewerkschaftsvertreter warnen im „Atlas der Arbeit“ auch vor einem wachsenden Risiko von Sklaverei in Deutschland. „Sklaverei in einem modernen, erweiterten Sinne existiert auch hierzulande“, heißt es dort. Als Beispiel nennen sie die Zwangsprostitution mit Freiheitsberaubung und sexueller Ausbeutung.

Der Bericht zitiert Daten, nach denen das Risiko für Eingewanderte zunimmt, in Deutschland Opfer von Arbeitsknechtschaft und Menschenschmuggel zu werden. Dies sei für ihn die überraschendste Erkenntnis aus dem rund 60-seitigen Atlas gewesen, sagte Michael Guggemos, der Geschäftsführer der gewerkschaftsnahen Stiftung. Die Broschüre beschreibt, wie sich die Arbeitswelt in Deutschland in den vergangenen Jahren gewandelt hat.

TEILZEIT-JOBS: Im Vergleich zu anderen  EU-Staaten ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten in Deutschland sehr hoch. 2016 fielen darunter 8,5 Millionen der rund 32 Millionen versicherungspflichtigen Jobs. Das waren 70 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Hinzu kommen fünf Millionen Personen, die ausschließlich auf Mini-Job-Basis arbeiten, welche vom Staat steuerlich begünstigt wird.⇥mit dpa

Mehr Infos zur Untersuchung:
www.dgb.de/atlas-der-arbeit