von Tanja Wolter

In Nordhessen stürzt Anfang September bei Arbeiten an einem Sendemast eine Wartungsgondel aus 50 Metern Höhe ab. Drei Arbeiter sterben. In Jena fallen auf einer Baustelle zwei Männer in einen Fahrzeugschacht, als sie eine Betonplatte bearbeiten. Einer von ihnen erleidet tödliche Verletzungen. Im bayerischen Obermeitingen wird ein 21-Jähriger bei der Wartung einer Müllpresse zerquetscht. Im niedersächsischen Emlichheim wird eine 69-Jährige bei Arbeiten auf einer Viehweide von einem Gülleanhänger überrollt. Das sind längst nicht alle Meldungen zu tödlichen Arbeitsunfällen in den vergangenen sechs Wochen, aber sie zeigen beispielhaft, dass die Gefahr für Leib und Leben am Arbeitsplatz auch im 21. Jahrhundert nicht gebannt ist.

Die Entwicklung im Detail:

Statistik: Schreibtischarbeit ist mangels Bewegung zwar auch nicht gerade gesund, aber zumindest ungefährlich. Und weil immer mehr Arbeitnehmer überwiegend im Sitzen tätig sind – laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fast 54 Prozent – gibt es viel weniger Arbeitsunfälle als früher. So wurden 1960 in der damaligen Bundesrepublik noch mehr als 2,7 Millionen meldepflichtige Arbeitsunfälle und fast 4900 Todesfälle registriert, wie aus Tabellen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua) hervorgeht. 2017 lag die Zahl bei nur noch knapp 955 000. Der Spitzenverband Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), der ohne die Landwirtschaft rechnet, hat jüngst seine Zahlen für 2018 vorgelegt: Demnach gab es im vergangenen Jahr 877 198 Arbeitsunfälle in Deutschland, 420 Menschen starben. Mit kleinen Ausreißern weisen beide Statistiken über die Jahrzehnte einen kontinuierlichen Rückgang auf. Aber: Seit einigen Jahren stagnieren die Zahlen. Umgerechnet auf die Gesamtzahl der Vollbeschäftigten ist das Unfallrisiko 2018 sogar um neun Prozent gestiegen. „Jeder tödliche Unfall ist einer zu viel“, sagt DGUV-Sprecher Stefan Boltz.

Risiken: Jobs wie Kampfmittelbeseitiger, Sprengmeister oder die Arbeit im Atomkraftwerk sind weit weniger riskant als viele vermuten. „Da sind die Schutzmaßnahmen von vornherein so hoch, dass sehr selten etwas passiert“, sagt Boltz. Problematischer seien dagegen Berufe wie Dachdecker oder Maurer, „vor allem, wenn die Beschäftigten sehr viel Routine haben und sich deshalb zu sicher fühlen“. Jörg Feldmann von der baua zählt neben dem Bau noch die Landwirtschaft zu den kritischen Berufsfeldern. Und: „Auch Lageristen oder Waldarbeiter haben riskante Jobs.“ Allein in der vergleichsweise kleinen Sparte Forstwirtschaft gab es im Jahr 2017 rund 4350 Unfälle, 19 davon waren tödlich. Schon die Arbeit mit der Motorsäge ist nicht unriskant. Als extrem gefährlich gilt die Auf­ar­beitung von Sturmholz, da die unter starker Spannung stehenden Stämme „ausschlagen“ können.

Vergleich: Berufe kommen und gehen. So stand früher der Bergbau mit seinen Grubenunglücken an der Spitze des Unfallgeschehens. Auf 1000 „Vollarbeiter“ kamen hier 1970 noch 230 Unfälle. Inzwischen liegt die Landwirtschaft inklusive der Jagd mit einer Unfallquote von 67 vorn, gefolgt von der Bauwirtschaft mit einer Quote von 54. Auf Platz drei (Quote: 43) liegt der Verkehr, zu dem neben der Transportlogistik auch die Post- und Kurierdienste gehören. Auffällig mit Zigtausenden Unfällen pro Jahr sind aber auch der Einzelhandel, die Metallindustrie, die Gastronomie und die öffentliche Verwaltung. Die Unfälle umfassen das ganze Spektrum vom Stürzen und Stolpern über Verletzungen durch Maschinen bis zu verunglückten Lkw-Fahrern. Etwa ein Drittel aller tödlichen Unfälle ist laut baua Folge eines Absturzes von einem Gerüst, einem Dach oder einer Leiter.

Arbeitsschutz: „Früher wurde verlangt, dass sich der Mensch an die Arbeit anpasst“, sagt der Experte Jörg Feldmann. Erst seit Ende der 1960er-Jahre stehe die Frage im Vordergrund, „wie sich Arbeit sicher und menschengerecht gestalten lässt“. Das Betriebsverfassungsgesetz von 1972 und das Arbeitssicherheitsgesetz von 1973 sind Ausdruck von diesem Paradigmenwechsel. Danach war laut Feldmann insbesondere die EU „Treiber des Arbeitsschutzes“. Die entsprechende Rahmenrichtlinie von 1989 wurde 1996 mit dem Arbeitsschutzgesetz in Deutschland umgesetzt. Die darin festgelegten Pflichten der Arbeitgeber reichen vom Gesundheitsschutz über Gefährdungsbeurteilungen bis zur Unterweisung der Beschäftigten. Hinzu kommen Verordnungen, etwa die Arbeitsstättenverordnung, die Betriebssicherheitsverordnung oder die Verordnung zum Schutz vor gefährlichen Stoffen. Um den Arbeitsschutz weiterzuentwickeln, haben Bund, Länder und die Unfallversicherungsträger die Arbeitsschutzkonferenz ins Leben gerufen.

Langzeitgefahren: Der technologische Wandel, der Trend zu Dienstleistungen und strengere gesetzliche Vorschriften haben die Arbeitswelt zwar im Hinblick auf Unfälle sicherer gemacht. Doch viele Faktoren sind vor allem langfristig schädlich. Dazu gehören Maschinenlärm, Staub, UV-Strahlung, das Heben schwerer Lasten (auch in der Pflege) sowie Wechselschichten, Nachtarbeit und Zeitdruck. So ist bei Menschen, die viel im Freien arbeiten, in den letzten Jahren die Zahl der Verdachtsfälle von weißem Hautkrebs gestiegen. Das fällt dann in den Bereich Berufskrankheiten.

Aussichten: Das Bewusstsein für den Arbeitsschutz wächst: „Heute wird versucht, frühzeitig regulierend einzugreifen und nicht erst zu reagieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, sagt Feldmann. Auch Boltz von der DGUV sieht das so, zumal sich die Investitionen auszahlen würden, etwa in Form von weniger Krankheitstagen. Die Unfallversicherer wollen die Präventionskultur aber weiter stärken. „Unser Ziel ist eine Welt ohne schwere und tödliche Arbeitsunfälle“, sagt Boltz.