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| 13:34 Uhr

Arbeitsmarkt
„Hartz IV ist kein Ausbildungsberuf“

Fast in allen Bereichen können Bewerber noch freie Ausbildungsplätze finden.
Fast in allen Bereichen können Bewerber noch freie Ausbildungsplätze finden. FOTO: dpa / Wolfgang Kumm
Cottbus. Die Arbeitsagentur und die Kammern in Südbrandenburg ringen um jeden Jugendlichen. Dennoch bleiben auch 2018 wieder viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Oft aus schlichter Unlust. Von Andrea Hilscher

„Faulfieber“ ist eine Krankheit, die selten von Ärzten diagnostiziert wird. Heinz-Wilhelm Müller, Chef der Arbeitsagentur Südbrandenburg, kennt dennoch zahlreiche Opfer: „Wenn wir Jugendlichen eine Ausbildung oder eine Maßnahme anbieten, kommen rund 20 Prozent von ihnen am nächsten Tag mit einer Krankschreibung. Klarer Fall von Faulfieber“, sagt Müller, und lustig findet er das nicht. Er betont: „Hartz IV ist kein Ausbildungsberuf, auch wenn einige Jugendliche das glauben.“

Seit einigen Jahren setzt die Arbeitsagentur alles daran, die Jugendarbeitslosigkeit in der Region so weit wie möglich zu senken. Aktuell liegt sie in der Region bei 4,2 Prozent – ein Prozent unter dem bundesdeutschen Vergleichswert und deutlich besser als Brandenburg (7,7) mit seinen 6,5 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Die Zahl klingt gut, zufrieden ist Müller damit noch lange nicht. „Wenn alle Jugendlichen wollen würden, hätten wir hier nur eine Jugendarbeitslosigkeit von unter einem Prozent.“ Auch die Unternehmer hätten allerdings noch einiges zu lernen, so Müller. „Ich wünsche mir Arbeitgeber, die sich wagemutig auf junge Menschen auch unterhalb des Traumkandidaten-Niveaus einlassen.“ Aktuell sind bei der Agentur 3894 freie Ausbildungsplätze gemeldet, etwas weniger als im Vorjahr. Die Zahl der gemeldeten Bewerber ist dagegen leicht gestiegen, von 3625 auf 3716. Die Zahl der unversorgten Bewerber liegt bei 282, die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen bei 462. Dazu kommen weitere 200 unbesetzte Lehrstellen, die statistisch nicht erfasst sind.

Positiv ist die Entwicklung der Lage von Ausbildungsbewerbern mit Fluchthintergrund. 176 Bewerber sind gemeldet, von ihnen haben 52 eine Ausbildung begonnen. 22 haben einen Job angenommen, zwölf sind über Schule, Studium oder Praktikum beschäftigt.

Auffällig: Bei den unbesetzten Ausbildungsstellen liegen all jene Jobs vorn, die schlecht bezahlt sind und unattraktive Arbeitszeiten bieten: Köche, Hotel- oder Restaurantfachleute. Dennoch, davon sind sowohl Knut Deutscher (Handwerkskammer) als auch Marcus Tolle (Industrie- und Handelskammer IHK) überzeugt: „In einem Ausbildungsberuf kann man sich mindestens so gut selbst verwirklichen wie in einem Beruf mit Studium.“ Während Tolle auf eine Umfrage verweist, nach der für Jugendliche das wichtigste Kriterium bei der Bewertung ihres Unternehmens das Betriebsklima ist, das eventuell niedrigere Bezahlung ausgleicht, sagt Handwerkskammer-Chef Knut Deutscher: „Im Handwerk kann man zwar nicht Millionär lernen, durchaus aber Millionär werden – nach einer guten Aus- und Weiterbildung.“ Allerdings, so schränkt er ein, gäbe es noch immer Firmen, die in Sachen Bezahlung mehr als zurückhaltend agieren. „Jeder Unternehmer muss seine Entscheidung allein treffen, ob er in dieser Hinsicht dem Markt entgegenkommt oder nicht.“

Im Kammerbezirk werden in diesem Jahr 715 angehende Handwerker neu ausgebildet (einer weniger als 2017). In den der IHK angeschlossenen Berufen sind es 1638 Jugendliche (172 mehr als im Vorjahr). Spitzenreiter ist hier Dahme-Spreewald mit 97 Verträgen mehr als im Vorjahr.

Positiv vermerkt die IHK einen gestiegenen Anteil an Abiturienten, die eine Ausbildung anstreben. Ihr Anteil lag 2015 noch bei 26 Prozent aller IHK-Verträge, inzwischen sind es schon 32 Prozent.

Auf dem Arbeitsmarkt nähern sich die berlinnahen Bereiche einer Vollbeschäftigung an. In der Geschäftsstelle Königs Wusterhausen verzeichnet die Arbeitsagentur eine Unterbeschäftigungsquote von 5,1 Prozent, in Luckau 4,8 und in Lübben 5,3 Prozent. In den Geschäftsstellen im Raum Elbe-Elster ist die Unterbeschäftigung zwar noch immer hoch, liegt aber deutlich unter den Werten von Spree-Neiße (Guben: zwölf Prozent, Forst 13,1 Prozent). Auch bei den Arbeitslosenzahlen liegen die Geschäftsstellen von Spree-Neiße am unteren Ende der Skala: 8,6 Prozent Arbeitslosigkeit in Guben und 9,5 in Forst stehen 4,5 Prozent in Bad Liebenwerda, 3,1 in Luckau oder 3,9 in Lübben gegenüber.

Mit einer Arbeitslosenquote von 6,0 Prozent liegt der Agenturbezirk Cottbus noch immer weit über dem Bundesdurchschnitt von 4,9 Prozent. „Aber wir nähern uns an“, sagt Heinz-Wilhelm Müller zuversichtlich. „Wir hatten schließlich schon Zeiten, da war unsere Quote doppelt so hoch wie im Bund.“