Eine historische Marke geknackt hat der Arbeitsmarkt in Südbrandenburg im April. Erstmals seit Bestehen der Agentur für Arbeit Cottbus ist die Arbeitslosenquote unter die Marke von sechs Prozent gesunken.

18 769 Menschen waren im April in Südbrandenburg arbeitslos gemeldet. Die Arbeitslosenquote sank auf 5,9 Prozent. „Damit erreichen wir noch nicht den Bundesdurchschnitt von 5,3 Prozent, aber, wir sind dicht dran am Landesdurchschnitt von 5,8 Prozent“, sagte Heinz-Wilhelm Müller, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Cottbus. Er machte deutlich: Stünde statt der Fünf eine Zwei vor dem Komma bei der Arbeitslosenquote im Agenturbezirk Cottbus, dann hätte es bei der Bekanntgabe der aktuellen Arbeitsmarktdaten vielleicht sogar Sekt geben können, auf jeden Fall aber Sektlaune. Denn bei Arbeitslosenquoten unter drei Prozent beginnt nach Lesart von Wirtschaftsforschern die Vollbeschäftigung.

Berliner Speckgürtel floriert

Vollbeschäftigung heißt, es sind mehr offenen Stellen vorhanden als Menschen, die Arbeit suchen. Davon jedoch ist die Region Südbrandenburg – bis auf eine Ausnahme, die Geschäftsstelle Luckau mit einer Arbeitslosenquote von drei Prozent - weit entfernt. Der Agenturbezirk entwickelt sich „sehr uneinheitlich, wenngleich es überall voran geht“, so Müller.

Mehr als 1300 freie Stellen sind der Agentur für Arbeit Cottbus im April gemeldet worden. Damit stehen insgesamt 6342 freie Arbeitsstellen zur Verfügung, 144 mehr als im April 2018. Gesucht werden vor allem Berufskraftfahrer, Fachkräfte im Verkauf, Fachkräfte im Gastronomie-Service, Fachkräfte Dialogmarketing, Fachkräfte in der Kraftfahrzeugtechnik, Fachkräfte im Maschinenbau und in der Betriebstechnik, Bauelektriker, Altenpfleger, Fachkräfte für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik und Köche.

Klassische Männer-Jobs fehlen

„Die Menschen in der Lausitz hatten es noch nie so leicht in Arbeit zu kommen, wie jetzt“, resümiert Müller und äußert einschränkend: „Dennoch gelingt es nicht jedem, eine Arbeit zu finden.“ Das spiegelt sich insbesondere bei den Älteren und beim sprichwörtlich starken Geschlecht wider. Die Männer-Arbeitslosigkeit ist in Südbrandenburg auffällig hoch. Mehr als die Hälfte (56,4 Prozent) der Arbeitslosen im Agenturbezirk Cottbus sind Männer. „Das ist ein Phänomen, das sich durchweg hält, sommers wie winters“, sagt Müller. Die Ursache liege in der regionalen Wirtschaftsstruktur begründet. „Wir haben relativ viele Verwaltungseinrichtungen und Dienstleistungsberufe, in denen viele Frauen tätig sind, aber zu wenig Industriearbeitsplätze, die von Männern besetzt werden können.“

Und noch etwas fällt auf: Unabhängig vom Geschlecht wird es für Menschen ab 50 immer schwieriger, Arbeit zu finden. 44,2 Prozent der gemeldeten Arbeitslosen in Südbrandenburg sind älter als 50 Jahre, 37,4 Prozent sind 55 Jahre und älter. „In diesen Altersgruppen ist die Arbeitslosigkeit am höchsten. Das ist kein regionales Phänomen“, sagt Agenturchef Heinz-Wilhelm Müller und fügt an: „Politiker erzählen immer, das Alter sei kein Problem. Auch über 40 seien Menschen gut vermittelbar. Unsere Erfahrung ist, ab 40 geht es schon noch, aber ab über 50 wird es schwierig.“

Zweifel an Fachkräftemangel

Deshalb nehme er es vielen Arbeitgeber auch nicht ab, dass sie wirklich ein Fachkräfteproblem haben und händerringend qualifizierte Mitarbeiter suchen. „Entweder ich habe ein Problem, dann löse ich es auch und klammere dabei keine Altersgruppe aus, zumal die Arbeitsagentur passgenau qualifiziert und umschult, auf ihre Kosten, und die Eingliederung in den Arbeitsmarkt unterstützt, unabhängig vom Alter“, äußerte Müller. Seine Botschaft an die Arbeitgeber: „Werfen Sie den Hut in den Ring. Mit guten Angeboten.“ Wenn alle Betriebe wirklich gute Angeboten würden, mit guten Geld, und alle Arbeitslosen auch wirklich Arbeit suchen würden, „dann würden wir eine Arbeitslosenquote von circa vier Prozent haben“.

Ähnliche Situation in Ostsachsen: „Der positive Trend auf dem regionalen Arbeitsmarkt hat sich auch im April weiter fortgesetzt, im Vergleich zum Monat März ist die Arbeitslosigkeit erneut gesunken“, informiert Thomas Berndt, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bautzen.

Saison hilft starkem Geschlecht

„Eine Vielzahl an Einstellungen erfolgten dabei in den saisonabhängigen Bereichen, so wurden überwiegend im Hoch- und Tiefbau, der Landwirtschaft oder der Gastronomie zahlreiche Mitarbeiter neu- oder wiedereingestellt“, so Thomas Berndt. Dadurch habe sich die Zahl der arbeitslosen Männer im Monatsverlauf um 953 auf 10 238 verringert. Allerdings stellen Männer immer noch mehr als die Hälfte (53,6 Prozent) aller 18 177 Arbeitslosen im Agenturbezirk Bautzen.

Das ist ein Ausdruck der Strukturschwäche im Osten, wie Agentursprecher Florian Riedel einschätzt. „Wir haben in Ostsachsen zwar ein relativ starkes verarbeitendes Gewerbe, aber es fehlen die großen industriellen Arbeitgeber, die eine große Anziehungskraft haben“, sagt er. Das hat wie in Südbrandenburg unabhängig vom Geschlecht vor allem Auswirkung auf die Älteren.

Unter Druck kurz vor der Rente

Die Arbeitslosigkeit unter den über 50 und bis 65-Jährigen ist auch in Ostsachsen am höchsten. „Gerade Älteren ab 55 fällt es deutlich schwerer, eine Qualifizierung anzugehen und sich neu zu orientieren“, schildert Riedel und wirbt dafür, auch wenn es schwer fällt die Herausforderung anzunehmen. „Es geht um eine berufliche Perspektive für noch mindestens zehn Jahre bis zum Renteneintritt.“

Die Arbeitskräftenachfrage wird anhalten ist Riedel sicher. „23 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Agenturbezirk Bautzen sind 55 Jahre und älter. Das heißt, knapp 44 500 Arbeitnehmer werden in den nächsten Jahren in Rente gehen und müssen ersetzt werden.“