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Air Berlin ringt um die Zukunft

Die Airline kommt wirtschaftlich nicht vom Fleck, seit Jahren fliegt sie nur rote Zahlen ein.
Die Airline kommt wirtschaftlich nicht vom Fleck, seit Jahren fliegt sie nur rote Zahlen ein. FOTO: dpa
Berlin. Rätselraten um Air Berlin: Die Zukunft von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft scheint völlig offen. Wird sie mehr und mehr zum Stein im Spiel des arabischen Großaktionärs? Theresa Münch und Steffen Weyer

Wolfgang Prock-Schauer hat das alles schon einmal mitgemacht. Hohe Verluste und einen schwer auszurechnenden Großaktionär kennt der Airline-Chef nur zu gut. Sein letzter Job bei der damaligen Lufthansa-Tochter British Midland (BMI) ging schief. Jetzt steht der Österreicher seit etwas mehr als einem Jahr an der Spitze von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft Air Berlin - und wieder scheint es drunter und drüber zu gehen.

Zweimal bereits verschob die kriselnde Airline in den vergangenen Tagen ihre Bilanzvorlage. Es gibt Gerüchte über einen Abschied von der Börse, Übernahme oder Fusion zu einem neuen Branchenriesen. Prock-Schauer - als besonnener Diplomat bekannt - bleibt wortkarg. Die Führungsriege spreche mit Gesellschaftern und Partnern über eine Finanzspritze, erklärt Air Berlin knapp. Dadurch sollen Eigenkapital und Liquidität steigen. Mehr wird nicht verraten. Doch klar ist: Die Fluglinie muss um ihre Zukunft ringen.

Vermutet wird, dass Großaktionär Etihad Druck ausübt. Anders als viele europäische Airlines strotzen die arabischen Fluggesellschaften derzeit vor Kraft. Die alles überragende Emirates aus Dubai, Qatar Airlines aus dem Emirat Katar und Etihad aus Abu Dhabi wachsen in großen Schritten. Auf einen Schlag gaben sie zuletzt gut 500 fabrikneue Flugzeuge in Auftrag.

Etihad hat, was Air Berlin fehlt

Damit drängen sie Europäer wie Lufthansa, British Airways und Air France-KLM zunehmend an den Rand. Die Araber haben das Geld, das angeschlagenen Fluggesellschaften wie Air Berlin fehlt. Schon im November kündigte Prock-Schauer einen Verlust für 2013 an - wie fünfmal in den vergangenen sechs Jahren. Diesmal dürfte das Minus aus Analystensicht unter dem Strich bei 175 Millionen Euro liegen. Zusätzlich drücken mit Stand September Schulden von 812 Millionen Euro. Großaktionär Etihad, der 29,21 Prozent der Anteile hält, dürfte da kaum begeistert sein.

Berichten zufolge will die Staatsfluglinie vom Golf deshalb mehr Einfluss und drängt auf einen Rückzug Air Berlins von der Börse. Dann könnten die Araber ihren Anteil auf 49,9 Prozent aufstocken, ohne ein Pflichtangebot für das ganze Unternehmen abgeben zu müssen. Über die Hälfte der Anteile dürfen die Araber nicht kommen, wenn wesentliche Start- und Landesrechte von Air Berlin nicht verloren gehen sollen. Die Mehrheit könnten, so wird spekuliert, deutsche Aktionäre wie der ehemalige Air-Berlin-Chef Joachim Hunold übernehmen - und Etihad mitreden lassen.

Für Etihad ist Air Berlin deshalb so wichtig, weil die Gesellschaft eine andere Strategie fährt als die anderen Golf-Airlines. Alle drei setzen auf das Langstreckengeschäft und führen Flüge in alle Teile der Welt an ihren Drehkreuzen im Nahen Osten zusammen. Emirates ist dabei jedoch weitgehend auf eigene Faust unterwegs. Qatar Airways kooperiert seit dem Herbst im Luftfahrtbündnis Oneworld etwa mit British Airways, der spanischen Iberia und American Airlines.

Zubringernetz aus Einzelallianzen

Etihad dagegen schmiedet in Einzelbündnissen an einem eigenen Zubringernetz. Die Gesellschaft ist nicht nur an Air Berlin beteiligt, sondern auch an der irischen Aer Lingus, der indischen Jet Airways und Air Serbia vom Balkan. Maschinen der gekauften Schweizer Darwin Airline sind sogar unter dem Namen Etihad Regional unterwegs. Diesen Ansatz könne Etihad künftig auch auf andere Länder ausdehnen, hatte Airline-Chef James Hogan im November angedeutet.

Derzeit verhandeln sie über eine Finanzspritze für die chronisch defizitäre Alitalia. Es gibt Gerüchte, Etihad wolle die Italiener mit Air Berlin fusionieren. Das halten Branchenkenner allerdings für wenig wahrscheinlich. Ein Bündnis zweier hochdefizitärer Partner würde die ganze Angelegenheit schließlich noch komplizierter machen.