Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. 25 Mal mussten die Netzspezialisten des Regionalversorgers enviaM im Jahr 2009 regulierend eingreifen, damit ihr Leitungssystem nicht durch plötzliche Angebotsschwankungen aus Wind- und Solarstrom zusammenbrach. Zwei Jahre später waren es schon doppelt so viele Eingriffe, und in diesem Jahr wird sich die Zahl auf etwa einhundert erhöhen.

"Der Netzausbau hält weiterhin nicht Schritt mit dem Bau neuer Kapazitäten zur Erzeugung erneuerbarer Energie", beklagt Carl-Ernst Giesting, Vorstandsvorsitzender der envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM), mit über einer Million Kunden der größte ostdeutsche Regionalversorger. Altmaiers Pläne, so Giestings Hoffnung, könnten Erleichterung bringen.

Ohne Anlage kein Netzausbau

Der Umweltminister will bei der Geschwindigkeit des weiteren Ausbaus an Ökostrom-Erzeugern ebenso eingreifen wie bei der regionalen Verteilung der Anlagen. "Für einen Wind- oder Solarpark, der vorläufig nicht oder in einer anderen Region errichtet wird, muss hier das Netz nicht nachgerüstet werden", beschreibt Giesting die dadurch erhoffte Erleichterung.

Denn bisher fehle die dringend notwendige Abstimmung zwischen den Bundesländern. Und neue Anlagen könnten bisher auch dort errichtet werden, wo noch kein geeigneter Netzanschluss vorhanden sei. "Die Dauer eines Genehmigungsverfahrens für den Bau einer neuen Stromleitung dauert jedoch viel länger als die Genehmigung für die Errichtung eines Windrades", so Giesting.

Außerdem gebe es gegen neue Stromtrassen überall Proteste. "Die Zahl der Bürgerinitiativen steigt." Das sei zwar das gute Recht der Anwohner, bremse aber zusätzlich den Netzausbau.

Nationale Aufgabe

Die Energiewende, so der en viaM-Chef, müsse endlich als nationale Aufgabe begriffen werden, bei der Länderinteressen nicht im Vordergrund stehen dürften. Als Beispiel nennt er die Thüringen-Trasse, die vor allem Windstrom aus Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg in Richtung Süddeutschland schaffen soll.

Die Thüringer Landesregierung habe von dieser Trasse keinen direkten Vorteil, aber die Proteste vor Ort gegen den Bau. Dazu kämen Überlegungen der süddeutschen Länder, selber neue Erzeugungskapazitäten zu errichten. Das, so Giesting, könnte auch die bisherigen Investitionen in Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee gefährden.

Diese hätten sich inzwischen als technisch kompliziert und sehr teuer erwiesen. Der Anschluss an das Stromnetz verzögert sich. Es fehlen Spezialkabel. Politik und Betreiber streiten über Haftungsfragen bei Havarien.

Preisschock im Januar

Neben der deutlich steigenden Umlage aus dem Erneuerbare-Energieen-Gesetz (EEG) käme im Januar wegen dieser Probleme auch eine neue Offshore-Umlage von 0,25 Cent pro Kilowattstunde auf die Stromrechnung. Zusammen mit der Erhöhung weiterer Umlagen wie der für die Befreiung energieintensiver Unternehmen von den Netzentgelten und des Anstiegs der Kosten für den Netzausbau werde das einen Preisschock auslösen, der Wirkung zeigen wird. Der Druck auf die Politik, in den strittigen Fragen zu Einigungen zu kommen, werde wachsen.

"Wirtschaftliche Vernunft muss über Ideologie siegen", fordert Carl-Ernst Giesting für die Energiewende. An deren grundsätzlicher Notwendigkeit gebe es jedoch keinen Zweifel. Dieses Mammutprojekt benötige aber ein "professionelles Management". Wenn es das schon gebe, wäre längst aufgefallen, dass bisher zu viel Erzeugungskapazität für grünen Strom an den falschen Standorten errichtet wurde.

So lange die Frage der Speichermöglichkeit großer Strommengen nicht beantwortet sei, werde auch auf große grundlastfähige Kraftwerke nicht verzichtet werden können, so der enviaM-Chef. Mit der Abschaltung der Atomkraftwerke werde 2020 sogar noch eine zusätzliche Kapazitätslücke entstehen.

Giesting ist jedoch überzeugt, dass die Speicherproblematik eines Tages gelöst wird, auch wenn noch niemand sagen kann, wann das geschehen wird: "Die Energiewende ist ein Technologietreiber." Zurzeit müssen noch für die Kapazität der Wind- und Solaranlagen in etwa gleicher Größe Großkraftwerke vorgehalten werden, um starke Schwankungen auszugleichen.