Seit Wochen weiß man, dass sich in einem der nervenaufreibendsten Entführungsfälle der letzten Jahre hinter den Kulissen etwas bewegt. Geheimnisvolle Quellen berichteten aus der südalgerischen Wüste: "Die Geiselverstecke wurden gefunden." Oder: "Die algerische Armee belagert die Kidnapper." Schon vor einem Monat verkündeten diese Wüstentrommeln: "Eine entscheidende Entwicklung steht bevor." Bis dann am gestrigen Morgen, knapp eine Woche nach der Rettung der ersten 17-köpfigen Touristengruppe die Botschaft eintraf: "Auch die übrigen entführten Touristen sind frei." Die Welt stieß einen Stoßseufzer aus. Doch nur für zwölf Stunden: Am Abend folgte ein Dementi der algerischen Generäle und das Entsetzen all jener, die gehofft hatten, dass nun all ihre Seelenqualen zu Ende sind.
Warum dieses Wechselbad der Gefühle? Vielleicht weil das Leben in der Sahara mit ihren schönen, aber auch gefährlichen Seiten ein wenig anders funktioniert als in der westlichen Zivilisation. Hier wartet kein Sprecher der Polizei, des Militärs oder der Regierung darauf, den Medienvertretern das Neuste über den Geiselfall mitzuteilen.
Sondern es gibt nichts als Sand, jetzt auch noch kochende Hitze und ein paar nette Nomaden, die sich freuen, wenn sie in dieser unwirtlichen Einöde einen Gesprächspartner finden. Diesen Nomaden, den Tuareg, verdankt die Welt somit jene dürren Informationen, die angesichts einer behördlichen Mauer des Schweigens, das zuweilen einem Totschweigen gleichkommt, über diese spektakuläre Entführung von 32 Urlaubern ans Tageslicht kommen.
Den Nomaden, die auch das Wüstengebirge zwischen den Oasenstädten Illizi und Tamanrasset wie ihre Westentasche kennen, gaben den algerischen Sicherheitskräften immer wieder viele wichtige Hinweise. Weil sie die Terroristen, die aus dem Norden Algeriens und aus anderen arabischen Ländern stammen, nicht mögen. Und weil sie ihnen die gerade aufblühenden Geschäfte mit den abenteuerlustigen Touristen aus Europa kaputtgemacht haben.
Deswegen kursierten schon seit Wochen Berichte über den Aufenthaltsort der Verschleppten um die Welt. Sie erwiesen sich nicht immer als zuverlässig, aber wiesen zumindest in die richtige Richtung.
Diese Erfahrung machte auch die Deutsche Melanie Simon, die vergangene Woche aus den Händen der Geiselgangster befreit wurde. Die 25-Jährige glaubt, dass sie ihr Leben den Tuareg zu verdanken hat. Einer von ihnen, ein Fährtenleser, habe die Armee zu den Terroristen geführt: "Die Geiselnehmer hatten eines seiner Kamele erschossen und eines mitgenommen. Der Nomade hat sich 15 Tage auf unsere Spur geheftet."
Auch über die Geiselgangster hatten einige der Entführten nun verständnisvolle Worte übrig: "Wir wurden fast Freunde", erinnert sich Ingo Bleckmann, einer der zehn Österreicher, die vergangene Woche freikamen Sie hätten zwar um ihr Leben gefürchtet, aber nach und nach sei der Kontakt mit den Terroristen immer besser geworden. Am Ende habe er sogar "etwas Sympathie" für die Geiselgangster empfunden. "Es waren keine brutalen Terroristen", sagt der 60-Jährige.
Und zu ihren Motiven: Sie hätten mit der Entführung auf den Konflikt in Algerien aufmerksam machen wollen. Etwa darauf, dass die Islamisten die ersten freien Wahlen 1992 gewonnen hätten, dann aber vom putschenden Militär in den Untergrund getrieben wurden. "Sie wollten das Bewusstsein der Europäer schärfen", erklärte Bleckmann die Motive seiner Entführer. Und sein Sohn Andreas ergänzt: "Sie waren religiös und schätzten das Leben."