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"Wir werfen einen Stein ins Wasser"

Der Vorsitzende der EKD in Deutschland, Nikolaus Schneider, und Erzbischof Robert Zollitsch (r.), Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, stellten den Entwurf der ökumenischen Sozialinitiative vor.
Der Vorsitzende der EKD in Deutschland, Nikolaus Schneider, und Erzbischof Robert Zollitsch (r.), Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, stellten den Entwurf der ökumenischen Sozialinitiative vor. FOTO: dpa
Frankfurt/Main. Erstmals seit dem ökumenischen Sozialwort von 1997 beziehen katholische und evangelische Kirche gemeinsam Position zur Wirtschafts- und Sozialordnung. Doch der Ruf nach mehr Gerechtigkeit habe zu wenig Biss, sagen Kritiker. Michael Evers und Sabine Ränsch

Die krisengebeutelten Kirchen in Deutschland gehen in die Offensive. Mit einer gemeinsamen Sozialinitiative wollen sich Katholiken und Protestanten wieder stärker in die gesellschaftliche Debatte einmischen, sie sogar prägen. 17 Jahre nach dem letzten Vorstoß dieser Art wenden sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Deutsche Bischofskonferenz gegen die Auswüchse des Kapitalismus. In dem am Freitag vorgestellten Papier fordern sie unter dem Motto "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" mehr soziales Gewissen der Wirtschaft. "Wir werfen einen Stein ins Wasser, gespannt darauf, welche Kreise er ziehen wird", sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, der die Erklärung gemeinsam mit EKD-Chef Nikolaus Schneider in Frankfurt/Main präsentierte.

Die Wucht dieses Wurfs scheint allerdings wohldosiert. Zwar üben die Kirchen Kritik an der "Maßlosigkeit und einer zum Teil bis ins Kriminelle gesteigerten Gier mancher Finanzmarktakteure". Doch das von ihren Gremien diplomatisch abgestimmte Papier ist nicht der ganz große Aufschrei gegen katastrophale Missstände, wie etliche meinen. In Teilen ist es eher eine Würdigung der Verdienste der sozialen Marktwirtschaft. Dennoch wollen die Kirchen, dass die Streitschrift den Anstoß gibt für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung. Besitzen sie so viel Einfluss? Gewiss, als moralischer Mahner haben sie weiterhin großes Gewicht, gerade auch die Politik nimmt ihre Einwände ernst. Nach manchem Skandal wie dem um mutmaßliche Millionenverschwendung im Bistum Limburg oder kritischen Debatten etwa zu den Staatsleistungen müssen die Kirchen aber ihre althergebrachte Verankerung in der Gesellschaft verteidigen. Sie stehen auch in der Kritik, wenn es um ein Streikrecht in der Diakonie geht oder die Frage der Beschäftigung Wiederverheirateter in katholischen Einrichtungen.

So würdigt der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, zwar die Sozialinitiative. Gleichzeitig ruft der Laienvertreter die Kirchen aber auf, den genannten ethischen Maßstäben auch im eigenen Handeln als Arbeitgeber, in der Finanz- und Anlageverwaltung, als Auftraggeber und Kunde gerecht zu werden.

Zwar wettert das Papier gegen Gewinnmaximierung um jeden Preis, fordert eine dienende Rolle der Finanzmärkte und staatlich gesetzte Grenzen gegen ausufernden Wirtschaftsliberalismus - so kritisch wie Stellungnahmen der evangelischen Kirche früherer Jahre ist es aber nicht. Das neue Sozialwort bleibe hinter der deutlichen Kritik an gesellschaftlichen Unrechtssituationen aus dem gemeinsamen Text 1997 zurück, kritisierte prompt die SPD-Kirchenbeauftragte Kerstin Griese.

Mehr Biss von den Kirchen verlangte auch der Bund der Katholischen Jugend (BDKJ). "Es mangelt an konkreten Handlungsansätzen aus christlicher Perspektive. Wenn Einkommens- und Vermögensungleichheiten wahrgenommen werden, braucht es tiefer greifende Veränderungsvorschläge der Kirchen", meint die BDKJ-Bundesvorsitzende Lisi Maier.

Zuletzt gab es im Verhältnis beider Kirchen auch Irritationen, weil nach dem Skandal um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst auch der evangelischen Kirche die Gläubigen davonliefen. Oder weil die Katholiken von der ersten homosexuellen Trauung in einer evangelischen Kirche in Hessen nicht begeistert waren. Auch an einen gemeinsamen Umgang mit dem Reformationsjubiläum 2017 tasten sich beide noch heran. Bei der Sozialinitiative werden schnellere Ergebnisse angestrebt. Zu dem online gestellten Papier hoffen die Kirchen auf rege Reaktionen, bereits am 18. Juli ist ein Kongress in Berlin geplant.