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"Wir werden den Völkermord beim Namen nennen"

Heftig wurde gestritten. Jetzt zeichnet sich ab, dass der Bundestag die Massaker der Türkei an den Armeniern vor 100 Jahren am kommenden Freitag doch als "Völkermord" bezeichnen wird, wie Unions-Fraktionsvize Franz Josef Jung (CDU) unserem Korrespondent Werner Kolhoff sagte. Ankara dürfte heftig reagieren.

F.: Der Bundestag streitet über eine Resolution zu den Massakern des Osmanischen Reiches an den Armeniern vor 100 Jahren. Wird der Begriff "Völkermord" dort am Freitag auftauchen? A.: Schon im bisherigen Entwurf von Union und SPD tauchte das Wort auf, allerdings in der Begründung des Antrages. Wir arbeiten in der Koalition nun an einer Formulierung auch für den Haupttext mit dem Begriff Völkermord. Es wird eine klare Aussage sein, mit der wir dem Stand der heutigen Diskussion entsprechen und über die Resolution von 2005 hinausgehen. F.: Die Türkei wird protestieren, sie hat sich schon durch ähnliche Erklärungen des Papstes und des Europäischen Parlaments provoziert gefühlt. Wie reagieren Sie darauf? A.: Wenn man eine Situation so beschreibt, wie sie war, dann ist das keine Provokation. Sondern das trägt dazu bei, geschichtliche Verantwortung aufzuarbeiten. Und das ist letztlich dann auch ein Beitrag zur Versöhnung. Nur wenn man die Wahrheit auch benennt, kann man selbst einen Beitrag zur Versöhnung leisten. Wir wollen, dass die Blockade der letzten Jahre überwunden wird und es zwischen Armeniern und der Türkei wieder zu einem Versöhnungsprozess kommt. F.: Verstehen Sie die die klaren Worte in der Resolution auch als ein bewusstes Zeichen für die Christen in der Region, die aktuell an vielen Orten massiv bedrängt werden? A.: Das macht uns schon Sorge. Die Religionsfreiheit ist ein Thema, das uns besonders am Herzen liegt, und das gilt auch für die Christen in der Region. Gerade für sie ist ein Versöhnungsprozess außerordentlich wichtig. F.: Die Bundesregierung hat den Begriff Völkermord bisher vermieden. Fallen Sie ihr nun in den Rücken? A.: Nein, wir stimmen die Formulierung mit ihr ab. Aber die Erklärung von 2005 fiel hinter dem zurück, was schon damals der Erkenntnisstand war. Wir werden jetzt eine Formulierung finden, die die Tatsache des Völkermordes, der in der Türkei vor 100 Jahren stattgefunden hat, auch mit Namen nennt. F.: Erwarten Sie, dass sich Bundespräsident Joachim Gauck am Donnerstag bei seiner Rede auf einer Gedenkfeier in Berlin ähnliche Worte finden wird? A.: Alle Erkenntnisse, die ich habe, sprechen dafür, dass es so sein wird.