ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:07 Uhr

„Wir schaffen das nicht mehr“

Mit Stunden-Kürzungen und Umsetzungen hunderter Lehrer hat das Staatliche Schulamt Cottbus bisher den Personalüberhang in den Schulen von Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz, Spree-Neiße und der Stadt Cottbus bekämpft. Im kommenden Schuljahr reicht das nicht mehr aus. Hunderte Lehrer müssen in andere Schulämter wechseln. Von Klaus Wieschemeyer

Post aus Cottbus ist für die Lehrer in Südbrandenburg derzeit nicht gerade angenehm: Kurz vor Weihnachten flatterte den Pädagogen ein Brief ins Haus mit der Frage, wer sich vorstellen könne, im kommenden Jahr nur in Teilzeit zu arbeiten.
Noch im Januar werden etwa 3000 Lehrer ein zweites Schreiben bekommen, diesmal mit einem Fragebogen zu Familienstand, Kinderzahl und weiteren persönlichen Daten. Spätestens dann, fürchtet der Vorsitzende des Personalrates im brandenburgischen Bildungsministerium, Frank Kramer, werde die sowieso schon angespannte Situation in den Lehrerzimmern zwischen Elbe und Neiße sich weiter aufheizen.

Fragebogen zur Sozialauswahl
Der Fragebogen soll eine Sozialauswahl im Bereich des Cottbuser Schulamtes erleichtern. Denn Südbrandenburg hat nach den Berechnungsschlüsseln des Landes zu viele Lehrer. Und da Brandenburg den angestellten Pädagogen laut Tarifvertrag im Sommer auch Vollzeitstellen anbieten muss, aber keine betriebsbedingt kündigen darf, reichen alle bisherigen Umverteilungsversuche innerhalb des Amtes künftig nicht aus. „Wir schaffen das nicht mehr“ , räumt Schulamts-Chef Dietmar Wolter ein. Ein Problem: Während die anderen fünf Schulämter an Berlin grenzen und Lehrer aus schwächeren Regionen in den von den Schülerzahlen her stabilen Speckgürtel verschieben können, haben die Cottbuser, wegen der geographischen Lage schon mal scherzhaft als „Süd-Banane“ bezeichnet, nichts von der fernen Hauptstadt.
Der Geburtenknick hat mittlerweile die Sekundarstufe I erreicht, die Schülerzahlen in Südbrandenburg stürzen Prognosen zufolge in diesem Jahr von derzeit 47 295 auf 41 755 (ohne Oberstufenzentren) ab. Dafür will das Ministerium der Region 3897 Vollzeitstellen zuweisen, das Schulamt hat aber dann Schätzungen zufolge noch 4300 Verträge, also 403 zu viel.
Da viele der über 5000 Lehrer in Südbrandenburg in Teilzeit arbeiten, könnten bis zu 620 Kollegen von der Versetzung betroffen sein, fürchtet Frank Kramer. Dabei sollen zwischen Beamten und Angestellten keine großen Unterschiede gemacht werden. Für die meisten Betroffenen bedeute das auch Umzug, weil „sie nicht jeden Tag nach Hause fahren können“ , räumt Wolter ein. Zwar würden durch die Sozialauswahl tendenziell eher Ledige und kinderlose Verheiratete betroffen sein, doch es könne durchaus auch Paare mit Kindern treffen, räumt Wolter ein. „Das ist schon eine heftige Maßnahme“ , sagt er. Darum hofft der Amtsleiter, dass sich noch möglichst viele Lehrkräfte finden, die freiwillig in Teilzeit oder den Ruhestand gehen".
Mitte Februar soll feststehen, wer im Schulamtsbereich Cottbus überzählig ist. Dafür, dass die Versetzung eher junge, ungebundene Lehrkräfte treffen wird, sorgt neben der Sozialauswahl auch eine Dienstvereinbarung zwischen dem Ministerium und dem Hauptpersonalrat, die noch am Mittwochabend in Potsdam unterzeichnet wurde. Demnach sollen Beschäftigte, die sich in Altersteilzeit befinden, ebenso von den Versetzungen ausgenommen sein wie Kollegen, deren Arbeitsverhältnis innerhalb der nächsten fünf Jahre endet. Die Alten bleiben also.
Schüler und Eltern müssen sich im kommenden Schuljahr trotzdem auf viele neue Gesichter einstellen: Wenn die Überzähligen versetzt sind, läuft das alljährliche Lehrerkarussell wieder an, werden die verbliebenen Lehrer wieder auf die Schulen Südbrandenburgs verteilt. Noch ist zwar nicht klar, wie schnell sich das Personalkarussell im Sommer drehen wird. Doch Frank Kramer glaubt, dass sich die Zahl der Versetzungen in Südbrandenburg verdoppeln wird.

Problem lange bekannt
Im Potsdamer Bildungsministerium ist die Entwicklung seit Jahren bekannt. Mit dem 132 Millionen Euro schweren „Schulressourcenkonzept“ hatte das Land Lehrern mit Prämien den vorzeitigen Abschied von Beruf oder Bundesland schmackhaft gemacht. Mit Erfolg, wie Ministeriumssprecher Thomas Hainz sagt. Fast das gesamte Geld sei bereits gebunden. Der Erfolg gilt aber eben nicht nur in der „Süd-Banane.“ Wer aus anderen Schulämtern geht, reißt Löcher, die gestopft werden müssen.
„Das sind jetzt die schlimmsten Jahre“ , ist Hainz überzeugt. 2005 und 2006 sei das Missverhältnis zwischen abstürzenden Schülerzahlen und fast konstanten Kollegiengrößen besonders krass und das Schulamt Cottbus extrem stark betroffen.
Für Frank Kramer ist die Politik des errechneten Überhangs kurzsichtig. Bereits jetzt fehlten Lehrer mit besonderen Fächerkombinationen, doch junge Kollegen mit befristeten Verträgen würden trotzdem in die Röhre gucken. Und in wenigen Jahren würden wegen der anrollenden Pensionierungswellen dringend neue, junge Lehrer gesucht.
Studien rechnen ab 2011 mit einem Bedarf von bis zu 1000 Lehrkräften im Jahr - allein in Brandenburg.
Wie seine Kollegen darüber denken und wie groß unter ihnen der Frust über die Umsetzungen ist, will Kramer Anfang Februar bei einer Personalversammlung in der Cottbuser Lausitz-Arena herausfinden.

Hintergrund In Ostsachsen reicht die Umverteilung aus
 Auch in Ostsachsen werden Probleme mit überzähligen Lehrern derzeit durch Umsetzungen innerhalb des Schulamtes gelöst. Das Regionalschulamt Baut-zen (zuständig für Hoyerswerda , Görlitz, Bautzen, Kamenz, Löbau-Zittau, Niederschlesischer Oberlausitzkreis ) versucht das Problem aber mit internen Versetzungen zu regeln. Andere Modelle seien derzeit weder geplant noch nötig, sagte eine Sprecherin im Dresdner Bildungsministerium.