Herr Lammert, im ARD-Fernsehen läuft derzeit ein Historiendrama über die Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Was halten Sie davon„
Ich begrüße jede ernsthafte Auseinandersetzung mit unserer gemeinsamen Geschichte. Denn der Versuch, unangenehme und schwierige Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus wie dem Kommunismus zu verdrängen oder gar staatlich zu untersagen, spielt eher rechtsextremistischen Bestrebungen in die Hände.

In Polen werden eher Ängste wach, dass sich Deutschland damit von seinen braunen Verbrechen reinwaschen könnte. Nehmen Sie solche Befürchtungen ernst“
Ich halte sie zwar für unbegründet, aber empfehle dringend, solche Stimmen ernst zu nehmen. Jeder, der auch nur eine oberflächliche Kenntnis der polnischen Geschichte und ihrer traumatischen Erfahrung gerade mit den beiden übermächtigen Nachbarn Russland und Deutschland hat, muss solche Ängste verstehen.

Regierungschef Jaroslaw Kaczynski behauptet, ein Drittel des Landes sei von Rückgabeforderungen der in der "Preußischen Treuhand" organisierten Vertriebenen bedroht. Wird die Angst da nicht vorsätzlich geschürt„
Das will ich nicht hoffen. Aber die von Ihnen beschriebene Behauptung muss man nun wirklich nicht Ernst nehmen. Alle Beteiligten wissen, dass es solche Forderungen vom deutschen Staat nicht gibt. Der polnische Ministerpräsident hat mir erst vor Kurzem bestätigt, dass er keine Zweifel an der Ernsthaftigkeit entsprechender Erklärungen der Bundesregierung und des Bundestages hat.

Sie selbst sprechen von "unterschiedlichen Wahrnehmungen" der gemeinsamen Geschichte in beiden Ländern. Woran liegt es, dass die Beziehungen mit Polen plötzlich wieder von Ereignissen überschattet werden, die mehr als 60 Jahre zurückliegen“
Im Unterschied zu privaten Biografien reicht das Gedächtnis von Ländern länger als zwei Generationen zurück. Alte Erinnerungen können so reaktiviert werden - und zwar besonders dann, wenn an der Reaktivierung ein besonderes politisches Interesse besteht. Deshalb müssen wir uns um dieses Thema auf allen Ebenen kümmern, um die Instrumentalisierung unterschiedlicher historischer Wahrnehmungen zu vermeiden oder jedenfalls in Grenzen zu halten.

Was heißt das konkret„
Morgen werde ich zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen den polnischen Parlamentspräsidenten Marek Jurek und weitere Spitzenvertreter des Sejms treffen. Die deutsch-polnischen Beziehungen müssen auf zwei Beinen stehen: Neben den Kontakten auf Regierungsebene brauchen wir institutionalisierte Verbindungen zwischen den beiden Parlamenten. Das hat insbesondere den Vorteil, dass damit die ganze Bandbreite der politisch bedeutsamen Auffassungen beider Länder in die Kommunikation einfließt.

Hat Polen daran ein Interesse“
Auf deutscher wie auf polnischer Seite ist ein ausgeprägtes Interesse am Ausbau der parlamentarischen Beziehungen feststellbar. Wir werden deshalb morgen eine Vereinbarung über regelmäßige Treffen der Präsidien und einzelner Ausschüsse treffen. Einen solchen regelmäßigen Austausch gibt es bislang nur mit dem französischen Parlament. Unter den 27 EU-Staaten wird Deutschland dann zu zwei seiner Nachbarländer besondere Beziehungen haben.

Wann wird das deutsche Verhältnis zu Polen genauso unbeschwert sein wie das zu Frankreich?
Das hängt viel mit den Persönlichkeiten zusammen, die sich dieser Aufgabe widmen und dafür einen langen Atem brauchen. Ich will nur daran erinnern, dass sich auch die deutsch-französischen Beziehungen nicht über Nacht in der spektakulären Weise entwickelt haben, wie sie uns heute selbstverständlich erscheinen. Dazu ist ein ähnliches Maß an Geduld notwendig.

Mit NORBERT LAMMERT
sprach Stefan Vetter